Kolumne: Die halbe Wahrheit : Für immer Lindenstraße

Manche Wünsche behält man besser für sich. Sonst werden sie am noch Ende erfüllt!

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Manche Wünsche behält man besser für sich. Sonst werden sie am noch Ende erfüllt! Aber ich muss ja immer gleich alles ausquasseln, was mir in den Sinn kommt – auch, dass ich total gerne das komplette erste Jahr „Lindenstraße“ auf DVD hätte, mir diese Überdosis aber nie selbst kaufen würde.

Was soll ich machen. Freundliche Seelen schickten mir ein Päckchen. Darin befand sich die Box. In der Box steckten elf DVDs mit insgesamt 52 Folgen plus Bonusmaterial – ein schlanker Klausi Beimer erzählt dem andächtig nickenden Dr. Flöter bei Prosecco von seiner Kulissenkindheit.

Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht mit wachsender Begeisterung mindestens zwei spannende Folgen „Lindenstraße“ ansehe – aus dem Jahr 1985.

Mit fasziniertem Grausen stellte ich fest: Es ist nicht nur eine Pauschalreise in die Anfänge einer genreprägenden Fernsehserie, sondern auch ein turbulenter Trip in die Alltagskultur der 80er Jahre; und damit in meine eigene Vergangenheit. Es fühlt sich ungefähr so an, als würde man ein altes Foto von sich betrachten, das einem zum ersten Mal in die Hände fällt.

Da ist zum Beispiel die braun-beige karierte Bettwäsche von Gabi Zenker und ihrem Benno: hatten meine Eltern im Schlafzimmer. Oder die impressionistisch geblümte Tapete im Kleinmädchenzimmer von Tanja Schildknecht: klebte in meinem Kleinmädchenzimmer. Nicht dass das weltbewegende Beobachtungen wären. Aber die Welt setzt sich nun mal aus lauter kleinen Dingen zusammen. Ich freue mich aus dubiosen Gründen diebisch darüber, wenn ich Verschollenes wiederfinde, das ich nie ernsthaft vermisst habe.

Weitere Requisiten, die mir irgendwie bekannt vorkamen: oval gerahmte Bildchen, die einen Baum im Wechsel der Jahreszeiten zeigen; ein plattgeklopfter, selbst getöpferter und -glasierter Elefant vor grünlicher Grastapete, verschiedene Pfannen und Töpfe; ein Setzkasten voller Figürchen; Blumenampeln; Makramee; Walkmen mit Schaumstoffkopfhörern. Das Sammelsurium eines untergegangenen Landes.

Ich kann nicht nachvollziehen, warum so viele aufstöhnen, wenn ich von meiner Begeisterung für die „Lindenstraße“ erzähle. Das Hauptargument lautet ja verlässlich: „Kein zeitgeschichtliches Phänomen, das nicht mit dieser unerträglich menschenfreundlichen Grundhaltung verwurstet wird: Aids, Arbeitslosigkeit, Amnesie …“ Ja, und?

Seit die aktuellen Folgen im Interbet zugänglich gemacht werden, verpasse ich erst recht keine einzige Folge. Selbst in fernen Ländern lade ich montagsabends zur Verwunderung der Einheimischen mit der „Lindenstraße“ eine Riesenportion gemütliche Sonntagsmelancholie.

Wieso Melancholie? Na, mit dem Schlussgedudel der „Lindenstraße“ läuft auch der Abspann des Wochenendes. Da kann später der „Tatort“ noch so spannend sein.

Bis jetzt konnte ich mit Ach und Krach der Versuchung widerstehen, einen Ausflug nach Köln-Bocklemünd zu machen, wo die „Lindenstraße“ gedreht wird. Soll man wirklich einen Blick hinter die Kulissen riskieren? Mir reicht es schon, dass ich einmal Benny Beimer auf einer real existierenden Berliner Straße gesehen habe. Was ja streng genommen gar nicht sein kann, verunglückte er doch auf dem Weg zur Hochzeit seiner Mutter und wurde in Folge 521 beerdigt.

Übrigens, wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich gern mal Mutter Beimers Spiegeleier probieren und Momo die Rastas abschneiden. Und natürlich wäre eine kleine Rolle ohne viel Text schön. Aber manche Wünsche behält man vielleicht doch besser für sich.

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