Kolumne: Die halbe Wahrheit : Füße sind die neuen Haare

Reaktorstörfälle, Heuschnupfen im Urlaub, eine Raupe im Sauvignon.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Reaktorstörfälle, Heuschnupfen im Urlaub, eine Raupe im Sauvignon – dass es keine Perfektion gibt, sollte eigentlich klar sein. Und doch kann es geradezu rührend sein, mit welchen Mitteln wir immerzu nach ihr streben. Vor kurzem geriet ich in einem Fußpflegesalon über diesen Irrsinn ins Nachdenken. Denn im Fußpflegesalon geht vor allem darum, dass dort Frauen Fußnägel gemacht werden, die am Ende so lecker aussehen sollen wie zwei Reihen bunter Bonbons.

Man muss sich einmal vorstellen, dass ein Mensch normalerweise mit 10 Zehen ausgestattet und jeder Zeh für sich schon ein kleines Wunder der Feinmotorik ist – ganz zu schweigen von der Komplexität der einzelnen Fußnägel. Die Kosmetikindustrie hat eine ganze Reihe von Produkten entwickelt, die sich um jeden Bestandteil eines Nagels kümmern: Nagelöl, Nagelhautentferner, Nagelhartmachergel, Nagelrillenfüller, Nagelpolierer und so weiter. Die Kosmetikindustrie hat auch Kunstnägel erfunden, die auf die natürlichen Nägel aufgeklebt werden können, falls man wirklich ganz und gar unzufrieden ist. Dazu kommt noch die unüberschaubare Menge von Unterlack, Überlack, French-Pedicure-Zubehör und natürlich rotem Lack in allen erdenklichen Schattierungen. Plus Werkzeug versteht sich, aber das würde jetzt zu weit führen. Ich wage zu behaupten, dass Nägel die neuen Haare sind. Ich glaube, sie wachsen sogar schneller.

Ich saß also in einem bequemen Sessel, während eine junge Frau im weißen Kittel stirnrunzelnd meine Füße betrachtete. Die Prozedur würde mindestens zwei Stunden dauern, ob ich so viel Zeit hätte? Na klar, sagte ich und sank in die Polster. Während die junge Frau meine Füße in heißen Rosmarinschaum tauchte, suchte ich Kontakt zu meiner Nebenfrau, deren Füße bereits in heißem Schaum steckten, dem Duft nach zu urteilen Lavendel. Ich erfuhr, dass meine Nebenfrau diese Prozedur jede Woche über sich ergehen lässt. „Es ist wie mit einem Haus“, sagte sie. „Wenn man gerade fertig ist mit Renovieren, fängt es garantiert irgendwo wieder zu bröckeln an. Man wird nie fertig.“ Ich überlegte, wo es gerade bei mir überall bröckelt. Mir fiel eine Menge ein, vor allem in den oberen Geschossen.

Die Frau im weißen Kittel bereitete mir unterdessen mit ihrer Hornhaut-Entfernungsmaschine unfassbare Qualen. Ich wand mich in dem Sessel, kiekste und schrie, weil es so kitzelte, doch sie ließ nicht von mir ab. Die anderen Kundinnen schauten interessiert zu mir herüber und tuschelten miteinander. Ich visualisierte krampfhaft zwei Reihen bunter Bonbons, aber es kitzelte nur noch mehr. Zur Belohnung setzte sie zu einer Fußmassage mit einer Art Butter an, bei der sie jedoch einige Akupressurpunke traf, die direkt mit einigen meiner bereits halb verfaulten Innereien verbunden sein mussten. Au! Schließlich befreite sie meine Fußnägel mit kräftigen Bewegungen von der feinen Haut unterhalb des weißen Halbmonds – als ich vorsichtig meine Bedenken äußerte, nahm die Intensität ihres Schabens noch um einige Schabebewegungen pro Sekunde zu. Ich rief: „Wenn Gott die Nagelhaut erschaffen hat, wird sie ihren Sinn haben!“ – „Gott hat auch die Hyäne erschaffen“, konterte die Frau im weißen Kittel. Ihr strenger Blick duldete keinen Widerspruch – sie war auf der Seite der Schönheit, ich ein jämmerliches Weichei. Obwohl, dachte ich still, eine Hyäne sicher Krallen hat.

Was soll’s: Am Ende hatte ich wirklich bunte Bonbons an den Füßen. Vorsichtig zog ich Omas Selbstgestrickte darüber, und als ich sie abends auszog, entdeckte ich eine Macke im korallenroten Lack des rechten Ringzehs. Ich dachte an meine Nebenfrau im Nagelsalon und begann zu verstehen. Ich nahm ein Fläschchen Nagellackentferner und wischte die bröckelnde Pracht kurzerhand ab. So ganz natürlich sah es gar nicht schlecht aus. Fast perfekt.

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