Kolumne: Die halbe Wahrheit : Große Ferien in Südtirol

Warnung: Diese Kolumne wird unter dem Einfluss eines Presslufthammers geschrieben.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Warnung: Diese Kolumne wird unter dem Einfluss eines Presslufthammers geschrieben. Er hämmert schon seit ein paar Tagen schräg gegenüber der Redaktion: prrrrr, prrrrrrrrrr, prrrrr, pr, prrrrrr, prrr, PRRRRRRRR, tatatata, prrrrr …

Na gut, es geht los. Große Ferien dauern, wenn man ein Kind ist, ewig und drei Tage. Bei uns begann die schönste Zeit im Jahr am letzten Schultag, wenn ich überraschenderweise doch noch versetzt und der Wecker auf zwei Uhr in der Nacht gestellt wurde – und spätestens am Mittag saßen wir auf Schnürenstühlen bei Familie H. im Garten und hielten die müden Gesichter bei Orangina, Apfelstrudel und totaler Stille in die Südtiroler Sonne.

Jedes einzelne Jahr fuhren wir über den Brenner nach Riffian ins Passeiertal, und immer stiegen wir in der kleinen, verblüffend ruhig gelegenen Pension von Familie H. ab. Zum 15. Besuch, dieses Ereignis ging in die Dorfchronik ein, bekamen wir von der Gemeinde eine goldene Ehrennadel und eine Flasche Vernatsch geschenkt.

Familie H. hatte vier Söhne, von denen einer besser aussah als der andere prrrrrrr, PRRRRRRRRR, prrrrr, tatata, kragkrag –– ich schwärmte für Werner, den jüngsten. Werner konnte krähen wie ein Hahn und trug bereits im präpubertären Alter eine sensationelle verspiegelte Sonnenbrille und weit aufgeknöpfte Hemden über der noch glatten Brust.

Jeden Abend holte er Milch vom Bauern. Manchmal nahm er mich mit. Diese Spaziergänge mit Werner – er trug die Milchkannen, ich pflückte Blumen vom Wegesrand, beobachtete die Salamander, wie sie zwischen den Steinfugen verschwanden und schleckte ein Dolomiti; nur leises Vögelgezwitscher füllte die würzige Luft – zählen zu dem Romantischsten, was ich überhaupt jemals erlebt habe.

Die Tage prrrrr prrrrr KLINKKLINKKLINKKLINK kamen und gingen. Abends gab es von Werners Mutter selbst gekochtes Essen: Fisch, Braten, Kaiserschmarrn. Noch heute bin ich auf der Suche nach dem Geschmack der glasierten Möhrchen, die es oft als Beilage gab. Nie wieder hat etwas so gut geschmeckt.

Leider habe ich vor einigen Jahren mit der brutalen Zerstörung dieses Paradieses begonnen. Wenn ich könnte, würde ich das alles rückgängig machen. Da hätte ich wirklich gleich Kuhglockengeläut als Klingelton runterladen können.

Es fing damit an, dass ich im Beisein eines damals noch zukünftigen Ex-Freundes von Südtirol schwärmte: „Du kannst sie dir ja gar nicht vorstellen, diese saftigen Blumenwiesen! Herrliche Weiher auf luftiger Höh! Einsame Berghütten, in denen sie frischen Speck prrr prrrrrrrrrrrr PRRRRRR ramtamtamtam zu Kümmelbrot reichen!“ Ich wollte doch nur mein Paradies mit ihm teilen, den jungen Werner wecken, der ganz sicher auch in ihm schlummerte.

Der damals noch zukünftige Ex-Freund willigte zu seinem und meinem großen Nachteil ein. Bis zu dem Tag, an dem ich ihn in den Korblift zwang, der zwischen Vellau und der Leiteralm verkehrt, lief alles furchtbar. Doch dann kam die Katastrophe DONGDONGDONGDONGDONGDRÖHNVERHALLHUPHUPtatütata prrrrrprrrr.

Ein Korblift ist im Prinzip ein Sessellift ohne Sessel; man steht auf einem Gitter, das etwa bis zum Bauch geht. An der Talstation muss man während der Fahrt aufspringen. Unterwegs hat man die allerschönste Aussicht. Es sei denn, man ist – wie mein damals noch zukünftiger Ex-Freund – nicht schwindelfrei.

Über all die Jahre hatte ich davon nichts geahnt. So aber teilte er mein Paradies nicht nur nicht, sondern redete es auch noch schlecht. Das nächste Mal fahre ich alleiprrrrrrrrrr

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