Kolumne: Die halbe Wahrheit : Guitar Hero Metallica

Meine Verwandten sind alle wahnsinnig musikalisch.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Meine Verwandten sind alle wahnsinnig musikalisch. Es kommt fast ein komplettes Orchester zusammen, schaut man sich alle Instrumente an: Trompete, Klarinette, Saxofon, Klavier, Akkordeon, Gitarre, Blockflöte, Xylofon, Triangel, Eierschneider. Auch unsere Singstimmen sind von ausgesuchter Schönheit, wovon sich jeder überzeugen kann, der in meiner Heimatgemeinde die Heilige Messe besucht. Wenn wir wollten, könnten wir wie eine Roma-Familie musizierend umherziehen und so unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Aber leider sind wir beim Musizieren oftmals gehemmt und trauen uns bei Familienfeiern erst nach ausschweifendem Alkoholkonsum an die Instrumente. Dann jedoch bleibt kein Auge trocken. Ich glaube, besonders auf die jüngsten Familienmitglieder wirken diese Gelage oft traumatisierend. So zog mich vor kurzem ein angeheirateter Klarinetten-Neffe ins Vertrauen: „Darf ich mal was anderes spielen als immer nur ,You are the Sunshine of my Life’?“ Seine großen braunen Augen schienen fast aus dem blassen Gesicht zu fallen. „Aber wieso denn, das ist doch ein schönes Lied“, entgegnete ich mit schwerer Zunge, den Schellenkranz beiseite legend und ihm mit großbürgerlicher Geste über den Kopf streichend.

Da fiel mir wieder ein, wie ich selbst im präpubertären Alter mit mittelalterlicher Gitarrenmusik gequält wurde. Nachdem ich nämlich meine musikalische Früherziehung auf der Blockflöte erfolgreich abgeschlossen hatte – das Urteil der Lehrerin lautete: talentiert, aber faul –, sollte ich ein Saiteninstrument spielen lernen. Ich weiß noch, wie ich dasaß, auf meinem Schoß das Holz, die Finger der linken Hand in schmerzhafte Positionen gespreizt, und was aus dem Klangkörper dröhnte, hörte sich alles andere als optimal an. Der Gitarrenlehrer muss relativ schnell für sich zu dem Urteil gekommen sein: untalentiert, dazu auch noch faul. Aber er brauchte wahrscheinlich das Geld. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb er sich und mich im Takt des Metronoms durch lange Stunden quälte.

Ihren Gipfel erreichte die Quälerei beim jährlichen Vorspielabend in der Musikschule. Jedes Kind musste auf die Bühne und das Publikum, das aus der versammelten Elternschaft und den Musiklehrern bestand, möglichst mit seinem Können bezaubern. Als ich an der Reihe war, entlockte ich der Gitarre nur eine Art mittelalterliches Dengeln. Meine Finger, die die Saiten herunterpressen sollten, glitten ins Leere. In mir breitete sich eine lähmende Kälte aus, und ich wunderte mich, dass ich gleichzeitig schwitzte.

Ich sah, wie mein Gitarrenlehrer in der ersten Reihe seine Nickelbrille von der Nase nahm und sich die Stirn rieb. Meine Mutter stand schon im Mantel an der Tür.

Unter tröpfelndem Mitleidsapplaus stand ich auf, klappte umständlich Notenständer und Fußbänkchen zusammen und hörte noch, wie Sandra B. aus der Parallelklasse mit leichter Hand „Für Elise“ anstimmte.

Seitdem spiele ich nur noch Schellenkranz, den aber mit Schmackes – und würde mal nach einer Blockflöte verlangt, wäre das auch kein Problem.

Mein angeheirateter Klarinetten-Neffe holte mich mit einem zärtlichen Kniff in den Arm wieder in die Gegenwart zurück. „Natürlich darfst du auch was anderes spielen als ,You are the Sunshine of my Life’“, murmelte ich. „An was hast du denn gedacht?“ 

Der Kleine schob seine Unterlippe vor. „Ich kann sonst nur die Nationalhymne“, sagte er. „Außerdem würde ich viel lieber Gitarre lernen. Ich hab jetzt Guitar Hero Metallica!“ Meine Mutter winkte mit dem Eierschneider herüber. Jede Generation muss eben ihre eigenen Erfahrungen machen.

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