Kolumne: Die halbe Wahrheit : Lippenblütler & Erdbeben

In geselliger Runde wurde unter großer Anteilnahme der Partygäste folgende wahre Geschichte erzählt.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

In geselliger Runde wurde unter großer Anteilnahme der Partygäste folgende wahre Geschichte erzählt: Es war einmal die Freundin eines Freundes eines Freundes. Sie lebte in einer kleinen Dachgeschosswohnung. Im Sommer herrschten dort ähnliche Temperaturen wie im Death Valley, daher lief die Frau dort manchmal unbekleidet herum. Die Erregung öffentlichen Ärgernisses war ausgeschlossen, da die Wohnung – außer für Tauben und voyeuristische Piloten im Landeanflug auf Balkon und Tegel – vollkommen uneinsehbar war.

An jenem glutheißen Vormittag nahm die Frau eine Gießkanne, füllte sie mit Wasser und goss die Blumen auf ihrem Balkon. Ein bisschen Flüssigkeit für die Geranien, ein bisschen für die Petunien. Dann fielen ihr die Usambara-Veilchen im Treppenhaus ein, die der alten Nachbarin gehörten, die gerade Urlaub auf Lanzarote machte. Auch den benachbarten Pflanzen, beschloss die gutherzige Frau, würden ein paar Tropfen Wasser gut tun.

Die Frau hüpfte die wenigen, mit Teppich belegten Stufen hinab und bog die weichen, fleischigen Blätter der Usambara-Veilchen behutsam zur Seite, um mit zwei Fingern den Feuchtigkeitsgrad der Erde zu testen. Da fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Die Frau fand sich nackt im Hausflur, in der Hand hielt sie nichts weiter als eine handelsübliche grüne Plastikgießkanne. Und unten aus dem Usambara-Veilchen-Topf rann still ein Rinnsal und tropfte auf den Teppich.

Nachdem sie mehrfach vergeblich an ihrer Wohnungstür gerüttelt hatte, begann sie, am ganzen Körper zu zittern. Passierte ihr das wirklich? Oder befand sie sich in einem dieser Horror-Träume, in denen man nackt seine mündliche Abitur-Prüfung ablegen muss?

Verstört setzte sie sich auf die Treppe und dachte nach: Wenn sie es schaffen könnte, die Fußmatte vor ihre Frontseite und gleichzeitig die Gießkanne vor ihre Rückseite zu halten … würde sie es so zum Kiosk im Erdgeschoss schaffen?

Es stellte sich bald heraus, dass die Fußmatte zu klein war, und außerdem stand auf ihr: „Welcome!“ Nein, unter keinen Umständen würde sich die Frau, die nicht nur gutherzig, sondern auch stolz ist, der Lächerlichkeit preisgeben. „Welcome!“ Die Frau sah vor ihrem geistigen Auge den Kiosk-Betreiber. Wo würde sie in Zukunft Zigaretten, Zeitungen und Zitronenlimo kaufen?

Es gelang der Frau mit ach und krach, ihre Würde zu bewahren, indem sie über den Dachboden aufs Hausdach kletterte und mit der Kraft einer unausgelasteten Bärin das Oberlicht ihres Badezimmers aus den Scharnieren riss, bevor sie durch die Öffnung ins schützende Innere ihrer Wohnung glitt.

An all dem sind meines Erachtens nur die Usambara-Veilchen Schuld.

Als Schülerin arbeitete ich in den Ferien als Sklavin in einer Gärtnerei, die solche Usambara-Veilchen für den europäischen Markt produzierte. Mein Job war ziemlich komplex; grob gesagt ging es darum, Paletten mit Usambara-Veilchen aus dem Treibhaus ins Freie zu fahren und aus ihnen ordentliche Reihen zu bilden, damit die aus Tansania stammenden Lippenblütlerartigen an der Sonne wuchsen und gedeihten.

Bald darauf gab es das erste leichte Erdbeben in dieser Region seit Beginn der Aufzeichnungen, und die etwa 500 000 Usambara-Veilchen kippten um. Meine Arbeit von mehreren Wochen war binnen weniger Sekunden zerstört. Der ohnehin schon cholerische Chef der Gärtnerei tobte, schrie, schäumte und tat mir am Ende weniger in die Lohntüte – höhere Gewalt.

Seitdem glaube ich fest an das schlechte Karma von Usambara-Veilchen und zerstöre ihren Ruf, wann immer sich eine Gelegenheit bietet.

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