Kolumne: Die halbe Wahrheit : Postkarten ohne Postleitzahl

Eigentlich fahre ich nur deshalb in Urlaub, um daheimgebliebene Freunde mit einem lässigen „Hellboy III? Hab ich schon gesehen, im Flugzeug“ auf die Nerven gehen zu können.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Eigentlich fahre ich nur deshalb in Urlaub, um daheimgebliebene Freunde mit einem lässigen „Hellboy III? Hab ich schon gesehen, im Flugzeug“ auf die Nerven gehen zu können.

(Außer Hellboy III kam Forrest Gump. Der ist jetzt nicht neu, aber immer noch gut. Ich könnte ein ums andere Mal zusehen, wie Forrests Metallschienen in Zeitlupe von seinen dünnen Beinchen splittern. Wie der Junge ungläubig an sich runterguckt und feststellt: Ich kann wegrennen, aus eigener Kraft!)

Um die Daheimgebliebenen zum massiven Augenrollen zu bringen, empfehlen sich Satzanfänge wie: „Also, in Rio im Moseo de Arte Moderna hängt …“ oder „Die Menschen hier sind viel unfreundlicher als in dieser kleinen Hafenstadt am Ufer des …“. Zur kompletten Raserei aber bringt man Nichturlauber am zuverlässigsten, indem man die betextete Postkarte – natürlich unfrankiert, ohne Hausnummer und Postleitzahl – persönlich mit den Worten überreicht: „In Wirklichkeit ist die Copacabana echt überschätzt.“ Aber Vorsicht, die Miesepetrigkeit, die einem dann entgegenschlägt, muss man erst mal an sich abgleiten lassen können wie die blitzblanke Teflonpfanne das Spiegelei.

Weil ich im Innern eine alte zerkratzte Pfanne bin, an der vieles kleben bleibt, habe ich mir vorgenommen, meine Freunde nicht länger zu reizen. Ab sofort werde ich meine gesunde Gesichtsfarbe und meine sonnengebleichten Strandhaare für sich sprechen lassen. Ich habe festgestellt, dass es für eine funktionierende Gemeinschaft eindeutig von Vorteil ist, sich geduckt in den Chor der schlechten Laune einzureihen.

In Ordnung: War natürlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die globalisierte Finanzwelt kollabieren würde. Ich habe immer geahnt, dass da was nicht stimmen kann. Unsereins ist ja froh, wenn er überhaupt noch 20 Euro aus dem Automaten kriegt.

Das deutsche Fernsehen hat seinen absoluten Tiefpunkt erreicht. Die gefühlt 100 Folgen von DSDS und Germany’s Next Topmodel, die ich verfolgt habe, waren kaum zu ertragen. Die Zeiten der großen Entertainer sind sowieso unwiederbringlich vorbei. Dann diese Veronica Ferres! Wenn das Hans-Joachim Kulenkampff noch erlebt hätte. Und Thomas Gottschalk fliegt kurz aus L. A. ein, macht bloß Schleichwerbung.

Mit Berlin geht es definitiv bergab, seit die neue Arena an der Spree eröffnet hat. Es kommen außer Alicia Keys und Brad Pitt überhaupt keine Stars mehr in die Stadt. Ist ja auch kein Wunder: ständig nur Regen, kaum akzeptable Restaurants, piefige Architektur im Zentrum, ein Fahrschein kostet 2,10 Euro, überall besoffene Jugendliche und Pub-Crawls statt Clubkultur, sämtliche Hauswände sind beschmiert, die Kriminalitätsrate steigt ins Unermessliche – und jetzt soll auch noch ganz Prenzlauer Berg parkraumbewirtschaftet werden. Bitte! Geht’s noch?

Was die Herbstmode betrifft: dieser Zirkus! Es ist eine Farce, wie sich alles wiederholt. Jetzt, da ich mich gerade an die skinny Jeans gewöhnt habe, soll ich auf einmal weite Bundfaltenhosen tragen – nur weil irgendein überbezahlter Designer sich das so überlegt hat? Nee, da mache ich nicht mehr mit.

Bei diesem Schmuddelwetter kann man sowieso am besten in die Sauna gehen, aber will man sich im Ernst von den alten Fettsäcken begaffen lassen? Nicht wirklich. Es ist auch ohne Sauna nur eine Frage der Zeit, bis der erste grippale Infekt der Saison einen unvorbereitet erwischt, da hilft weder Echinacin noch Meditonsin, noch heiße Ingwerbrühe mit Hühnerhaut überbacken, noch permanentes Händewaschen mit Desinfektionsgel, noch frisch gepresster Orangensaft. Vitamin C ist total überschätzt. Mit Medizin dauert eine Grippe sieben Tage, ohne eine W…

Lauf, Forrest, lauf!

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