Kolumne: Die halbe Wahrheit : Schwestern, zur Sonne

Frauen müssen jetzt 23 Prozent weniger arbeiten, sagt Esther Kogelboom.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Kopfrechnen gehört nicht unbedingt zu meinen Stärk … Stopp. Schon wieder. Ich bin drauf und dran, eine Schwäche zuzugeben. Ein typischer Fehler der Frauen, heißt es ja immer. So kann es natürlich nichts werden mit der großen Karriere. Ich fang lieber noch mal von vorne an.

Also: Ich habe meinen museumsreifen Casio-Taschenrechner zur Hand genommen und damit ausgerechnet, dass 23 Prozent dieser 108-Zeilen- Kolumne genau 24,84 Zeilen sind. Und die werde ich mir heute einfach sparen – im Namen der Gerechtigkeit. Schließlich bekommen Frauen 23 Prozent weniger Gehalt als Männer bei gleicher Qualifikation.

Die freie Zeit nutze ich dann, um ein wenig an der frischen Luft spazieren zu gehen. Die Sonne scheint gerade so schön, und die Leute fangen wieder an, dick eingemummelt draußen vor den Cafés Kaffee zu trinken. Berlin-Mitte ist zur gigantischen Skihütte geworden.

Meine Freundin sagt, sie fühlt sich wie ein Igel, der ein bisschen zu plötzlich aus dem Winterschlaf geweckt wurde. Orientierungslos schlurfe sie durch die Gegend, bass erstaunt über den seltsamen gelben Ball am Himmel. Auch die argentinische Austauschjournalistin, mit der ich das Büro teile, reagiert verwirrt auf den ungewohnten Lichteinfall. Nach dem Mittagessen stand sie auf der Straße, blinzelte in den Himmel und sagte: „Geh du wieder an die Arbeit, ich rauche schnell eine Zigarette auf der Sonne.“

Ich musste lachen und wies sie auf den Fehler hin. Es wäre schon toll, wenn man eine Zigarette auf der Sonne rauchen könnte, da müsste man sich wenigstens um Feuer keine Sorgen machen, sagte ich. „Sehr komisch“, erwiderte sie. „Aber in der Sonne, das ist auch nicht logisch.“

Für mich sind gute Sonnentage wie dieser untrennbar mit dem süßlichen Geruch einer ganz speziellen, dickflüssigen Sonnencreme verbunden. Manchmal nehme ich heimlich in der Drogerie eine Flasche aus dem Regal und schnuppere daran – es ist der Duft von überlangen Nordseeferien, Salzwasser, warmem Sand, der Duft von Strandkorb, gummiartigen Frikandeln aus dem Automaten und Trampolinsprüngen in der Kulisse weiter Dünen.

Offenbar geht es nicht nur mir so, denn der Sonnencremehersteller vertreibt nun schon seit längerem Duftbäume mit dem Aufdruck „Ich fühl mich Sommer“. Seit einiger Zeit baumelt das blaue Ding am Rückspiegel meines räudigen Kleinwagens und verströmt. Kindheitsferiengeruch nonstop: Ich finde, das ist eine wirklich geniale Erfindung, wie gemacht, um sich im düsteren Alltag milde zu stimmen. Doch als ich mich neulich auf einer Ferieninsel mit dem zähflüssigen Produkt einzuschmieren begann, tappte ich in eine olfaktorische Falle. Ich roch auf einmal nicht mehr nach großen Ferien, sondern wie der Innenraum meines Kleinwagens. Räudig und wie düsterer Alltag.

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