Kolumne: Die halbe Wahrheit : Stromstöße der Bürokratie

Ich bin wieder legal. Seit kurzem bin ich polizeilich dort gemeldet, wo ich wohne.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Ich bin wieder legal. Seit kurzem bin ich polizeilich dort gemeldet, wo ich wohne. Vorher war das anders – ich hatte Angst, dass sie mich finden. Das Lesen dieser Kolumne ist also auch wieder legal.

Vor einiger Zeit befand ich mich wegen meiner Nackenschmerzen beim schlimmsten Orthopädenbetrüger Berlins in Behandlung. Genau, das ist der, der einem alles verkaufen will: Fango, Akupunktur, Physiotherapie. Außerdem gab er mir ein putziges Stromstoßgerät mit, das ich dankbar annahm und nach Gebrauch an eine Medizinfirma zurückschicken sollte. Nachdem ich es einmal ausgepackt und begutachtet hatte, aber keinmal benutzt, beauftragte ich einen privaten Postanbieter mit der Rückübersendung des etwa schuhkartongroßen Pakets.

Die Nackenschmerzen hatten sich als vorübergehende Verspannung entpuppt und schließlich von ganz allein wieder aufgelöst.

Bald schon kam ein Brief von der Firma, wo denn das Gerät bliebe. Ich rief mit forscher Stimme an, um den Irrtum zu klären, aber man versicherte mir, das Gerät wäre nicht angekommen, ich solle mich also bitteschön nicht dumm stellen, dieses Spielchen würden sie nämlich bereits kennen. Mir blieb die Spucke weg. Ich solle mich auf eine Rechnung in Höhe von 500 Euro einstellen, hieß es. Mein Protest verhallte, die Nachforschungen bei dem privaten Postanbieter verliefen im Sande. Die Rechnung kam natürlich ordnungsgemäß an, und bald darauf lag die erste Mahnung zwischen den bunten Werbezetteln im Briefkasten.

Dann musste ich umziehen, und in den Wirren des Umzugs verdrängte ich alles Mögliche, eben auch dieses schauderhafte Gerät. Es fiel mir erst wieder ein, als ich jetzt im Warteraum des Bürgeramtes Mitte an einem quadratischen Tischchen saß und das Ummeldeformular ausfüllte. Die Erinnerung durchzuckte mich wie der Stromstoß, der mir zugedacht war: Ich würde wieder auffindbar sein, für alle, auch für die Medizinfirma.

Seitdem rechne ich täglich damit, dass der Geldeintreiber von der Medizinfirma vor meiner Tür steht, mit einer großen Giftspritze im Gepäck. Er würde mir wieder nicht glauben. Der private Postanbieter streitet alles ab und sagt, es sei mittlerweile zu spät für Nachforschungen.

Ich höre mich schon, am Küchenstuhl gefesselt, winseln: „Ich habe das Päckchen wirklich abgeschickt! Wirkl…!“ Dann wird mich der Geldeintreiber gewaltsam knebeln und die Spritze in meine Ader rammen, so wie in einem Sat-1-FilmFilm. Close-up auf das wegsinkende Gesicht der vermeintlichen Schuldnerin.

Schnitt.

Als es heute zu nachtschlafender Zeit an meiner Wohnungstür klingelte, schnellte ich aus dem Bett. Ich übersprang die beiden Knarzdielen, schlich auf Zehenspitzen zur Tür, kniff ein Auge zu und spähte durch den Spion. Auf der Fußmatte stand ein Mann mit einer Art blauen Uniform, der abermals auf den Klingelknopf drückte. Ich holte tief Luft und öffnete dem Geldeintreiber wild entschlossen die Tür.

„Ich bin unschuldig“, sagte ich anstelle einer Begrüßung. „Ich habe das Päckchen wirklich abgeschickt!“ 

Der Mann wich zurück und fragte: „Welches Päckchen?“

Eine kurze Pause entstand. Der Vollstrecker wollte sich offenbar dumm stellen, er war sicher ein besonders gewiefter Geldeintreiber. Ich erwiderte: „Na, das Päckchen mit dem Stromstoßgerät!“ – „Mein Gott“, sagte er, „ich bin wegen Herrn Hartmann hier, unserem Kater, der ist weggelaufen. Würden Sie vielleicht mal in Ihrem Keller nachgucken, ob er sich dort versteckt hat?“

Ich nickte so heftig, dass es am oberen Ende der Halswirbelsäule unschön knackte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben