Kolumne: Die halbe Wahrheit : Susi, eine kleine Betonschwelle

Wie unberechenbar das Leben ist, lässt sich leicht am Zugfahren ablesen.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Wie unberechenbar das Leben ist, lässt sich leicht am Zugfahren ablesen. Eine Reise mit der Bahn kann ausgesprochen angenehm sein, ja, das Beste im Menschen nach außen kehren: Wagen schnurren leise durch die Landschaft, Blicke streicheln über sattgelbe Rapsfelder. Mit etwas Glück erwischt man einen alten Speisewagen mit bequemen Polstern, Tischlämpchen, kühlen Drinks und gut aufgelegten Schaffnern …

Dann wieder ist Zugfahren eine Prüfung. Wie neulich, als ich mit der Kellnerin im Speisewagen über die Eigenschaften einer Rinderkraftbrühe diskutieren musste, obwohl ich gar nicht wollte.

Es war noch im April, und weil ja bekanntlich im Zugrestaurant jeden Monat ein anderer Meisterkoch aus einem anderen Bundesland seine Kreationen anbietet, ging es um Dirk Luther, einen Zwei-Sterne-Koch aus Schleswig-Holstein. Dirk Luther, der auf dem Passfoto, mit dem das papierne Platzdeckchen bedruckt ist, total gutmütig aussieht. Dirk Luther, der sich beim Verzehr dieser wässrigen Suppe sicher kräuseln würde wie ein Petersilienblatt, das erschrickt. Weil die Kellnerin dann fragte, ob es geschmeckt habe, und ich nicht lügen konnte, entspann sich folgender Dialog:

Kellnerin: „Warum haben Sie die Suppe dann gegessen?“

Ich: „Ich hatte großen Hunger.“

Kellnerin: „Sie hätten sich sofort beschweren sollen.“

Ich, auf das papierne Platzdeckchen deutend: „Gucken Sie mal, hier sieht die Suppe ganz anders aus.“

Kellnerin (gepresst): „Ja gut, da sieht man die Fleischkößchen. In Ihrer Suppe schwammen die Fleischklößchen halt unten, weil die schwerer sind. Das ändert nichts daran, dass sie trotzdem da waren. Sie haben sie ja schließlich gegessen.“

Ich merkte, dass die Kellnerin sehr sauer auf mich war, zahlte und ging wieder an meinen Platz.

Gerade war ich eingenickt, da weckte mich ein Zugbegleiter mit kräftiger Stimme: „Wie wär’s mit einer kleinen Lektüre? Dem Max-Maulwurf-Extrablatt?“ Ich nahm die kleine Zeitung. Darin bedankte sich Max Maulwurf für mein Verständnis (Bauarbeiten, Fahrzeitverlängerung). Und Susi stellte sich vor.

„Ich bin Susi, eine kleine Betonschwelle“, stand auf Seite 2 geschrieben. „Sie sind eben über mich drüber gefahren. Aber das ist schon okay, das bin ich gewohnt.“

Fassungslos las ich weiter. „Holzschwellen, wie mein Cousin Hubertus, werden heute nur noch selten verbaut … Darüber gibt es noch an einigen Nebengleisen Stahlschwellen, wie Martha, meine Tante zweiten Grades mütterlicherseits. Sie war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstärkt zum Einsatz gekommen, da die Familie der Stahlschwellen damals als besonders stabil galten.“

In der Konzernkommunikation der Bahn hat sich ein wirkliches Genie versteckt – ein Thomas Mann der Gleisbauarbeiten! Ein SchwellenChronist des 20. Jahrhunderts! Faszinierend. Das war die Hinfahrt.

Auf der Rückfahrt war ich ziemlich müde und ging abermals in den menschenleeren Speisewagen, um ein Feierabendbier zu trinken. Dieselbe Idee hatte auch Boris Entrup, der Dauerwerbesendung-Moderator und Visagist aus „Deutschland sucht den Superstar“.

Er kam aus der 1. Klasse, durchschritt den Wagen federnden Schrittes, die moderne Neigetechnik leichtfüßig ausbalancierend, topmodelmäßig eben, und holte sich bei einer besonders hübschen Kellnerin was zu trinken.

Als er wieder hinten in der 1. Klasse war, kreischte die hübsche Kellnerin laut auf. „Das war er! Das war …!“ Dann schlug sie sich mit der Hand vor den Mund und sagte: „Verdammt. Ich hätte ihn wegen meiner Augenringe fragen sollen.“

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