Kolumne: Die halbe Wahrheit : Tief in der Tinte

Die Bank rief an. „Wir können Ihren Überweisungsauftrag nicht ausführen“, sprach eine Stimme aus dem Callcenter.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Die Bank rief an. „Wir können Ihren Überweisungsauftrag nicht ausführen“, sprach eine Stimme aus dem Callcenter. „Die Unterschrift auf dem Überweisungsträger stimmt nicht mit der bei uns hinterlegten Unterschrift von 1996 überein.“ Ich möge doch in eine Filiale kommen und eine neue Unterschrift abliefern, eben so, wie ich heute unterschreibe, oder lieber gleich auf Online-Banking umstellen. Dann, sprach die Stimme weiter, müsse ich gar nicht mehr unterschreiben. (Außerdem könne man bei der Gelegenheit gleich über meine Rente usw.)

Plötzlich wurde mir klar: Die Handschrift geht verloren. In wenigen Jahren werden Erstklässler an der Tastatur schreiben lernen, und irgendwann werden nur noch Experten das Gekritzel aus vorvergangenen Zeiten entziffern können. Ein digitaler Fingerabdruck wird die Unterschrift ersetzen. Nicht mehr lange, und das Museum für Kommunikation wird dem Einkaufszettel in seiner Funktion als letztem analogen Handheld-Device eine Ausstellung widmen.

Als ersten Akt des Widerstandes ging ich in einen Schreibwarenladen, um einen Füller und Tintenpatronen auszusuchen. Der Verkäufer, obwohl Verkäufer in einem Schreibwarenladen, starrte vollkommen entgeistert auf den Testblock, als ich Federn in verschiedenen Breiten ausprobierte – zwar schrieb ich als Probeworte bloß Unverfängliches wie „schmalschmal“, „mittelmittel“ und „dickdick“, konnte damit aber nicht mehr aufhören. Das Gleiten der Stahlfeder über das glatte Papier! Ein Wort, das einen Augenblick lang vorn schon matt ist und hinten noch glänzt! Es war ein Gefühl wie die erste Joggingrunde nach einem langen Winter.

Ich kaufte den Füller mit mitteldicker Feder und zur Sicherheit gleich fünf Päckchen schwarze Tintenpatronen und Löschblätter dazu, man weiß ja nie. So wurde ich mein eigenes Textverarbeitungsprogramm. Die Vorstellung, mich im ICE-Großraumwagen nie wieder mit Studenten um eine Steckdose für das Laptop-Ladegerät prügeln zu müssen, beflügelte mich. Der Füllfederhalter macht mich vollkommen unabhängig vom Stromnetz. Er ist ultraleicht, preiswert, einfach zu bedienen und kommt ohne überflüssige Gadgets aus. Eine fantastische Erfindung – der Legende nach eines amerikanischen Geschäftsmanns, dem ein lukratives Geschäft entging, weil der Federkiel auf den Vertrag tropfte.

Später in der Bank betrachtete ich meine Unterschrift aus dem Jahre 1996. Sie sah aus wie eine Geburtstagsgirlande. Kein Wunder, dass die Bank annehmen musste, sie wäre einem Fälscher auf der Spur – heute besteht meine Unterschrift nur noch aus drei Strichen und einem Kreis, wahrscheinlich eine Folge vom hastigen EC-Kartenbeleg-Unterschreiben an der Supermarktkasse, während der Hintermann schon ungeduldig Weintrauben und Waschmittel vorschiebt.

Die Bank-Sachbearbeiterin, die meine Sache bearbeitete, litt unter Heuschnupfen. Kurzum, sie nieste exakt in dem Moment, als ich gerade beim zweiten Strich war. Hä-isch! Ich zuckte, und zack. Ein seltsamer Querstrich zierte meine neue Standard-Unterschrift. Er gehörte da nicht hin. „Gesundheit“, sagte ich. Und sie, sich schnäuzend: „Ich hab leider keinen Tintenkiller.“ Wir lachten kurz über die Gerüche von Tintenkillern und frischen Hektografien, die sie und mich in der Schulzeit high gemacht hatten. Dann fing sie mit belegter Stimme von der Rente an, und ich verschwand unter einem Vorwand.

Das Beste ist, dass jetzt die alte Schreibdelle am rechten Mittelfinger wieder nachwächst und wie früher von einem schwarzen Klecks gekrönt wird, der viel schöner ist, als ein Ring je sein könnte.

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