Kolumne: Die halbe Wahrheit : Viele Grüße an Pandi

Bei Beerdigungen anwesend sein, das gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Bei Beerdigungen anwesend sein, das gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Doch letztens starb meine Großtante Trudi, sie wurde immerhin 96 Jahre alt. Tante Trudi hat so lange ich denken kann mehrmals täglich ausgerufen: Lieber Herrgott, hol mich doch! An der Käsetheke: Lieber Herrgott, hol mich doch. Wenn im Fernsehen zu kaltes oder zu heißes Wetter angesagt wurde: Lieber Herrgott, hol mich doch. Wenn die Füße wieder schmerzten: Lieber Herrgott ... Insofern war ihr Tod zwar sehr traurig, aber wohl keine Katastrophe. Ihr Mann war schon in den 60er Jahren gestorben, Kinder hatte sie keine, dafür eine große Auswahl an Kuscheltieren. Testamentarisch hat sie allerdings verfügt, dass keines der Plüschtiere mit ins Grab dürfe, weil es dort so kühl sei.

Meine Mutter löst gerade Tante Trudis Haushalt auf. Mich erreichen E-Mails mit angehängten Fotos: Kommode.jpg, Geschirr.jpg, Frisiertisch.jpg, Pandi.jpg (ein Stoffpanda von stattlicher Größe). Dann der Anruf: Rate mal, was ich gefunden habe! ? Das Postkartenalbum!

Stimmt, das Postkartenalbum. Tante Trudi eine Postkarte aus dem Urlaub zu schreiben, das war Pflicht für uns, weil sie doch so gerne Post bekam. Und Tante Trudi hat jede einzelne Postkarte, die sie von Mitgliedern unserer weit verzweigten Familie bekommen hat, aufgehoben und in ein dickes Album geheftet. Dabei war Fernweh ein Sentiment, das Tante Trudi laut eigener Aussage gar nicht kannte: Als sie einmal gezwungen war, mit ihrem Mann in eine Stadt zu ziehen, die 15 Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt lag, wurde sie ihres Lebens nicht mehr froh und überdies von schrecklichem Heimweh geplagt.

Ob sie nicht mal wenigstens an die Nordsee fahren oder eine Wallfahrt nach Kevelaer unternehmen wolle, hat meine Mutter sie oft gefragt.

Nein. Ich bin ein Heimatmensch.

Aber unsere Postkarten archivierte sie akribisch. Mein erster Urlaubsgruß stammt aus den Skiferien. Ich schrieb in Kleinmädchenschrift: Liebe Tante Trudi, unsere Ferienwohnung ist die reinste Bruchbude. Die Möbel sehen aus wie vom Sperrmüll. Mama und Papa trinken jeden Abend Obstler. Ich hoffe, es geht wenigstens Dir gut und Pandi auch. Deine Esther

Dann Klassenfahrt in der Mittelstufe: Hi Tante Trudi, hier ist jeden Abend Disco. Ruth hat mir die Haare geschnitten, viiiiel besser. Heute waren wir bei der Wallhalla. Super! Grüß mir den Pandi. Deine Esther

Schließlich von einer Rucksacktour durch die Anden: Liebe Tante Trudi, ich weiß nicht, ob diese Karte Dich jemals erreichen wird. Die Briefkästen sehen hier so aus wie Mülleimer und umgekehrt. Neben mir im Flugzeug saß ein Mann mit einem Truthahn auf dem Schoß. Wir dürfen nie vergessen, wie privilegiert wir in Deutschland leben. Wenn meine Blasenentzündung weg ist, geht es im Bus weiter nach Bolivien. Adios, Esther. PS: Grüße an Pandi.

Auch die Postkarten der anderen waren interessant. Ich habe nicht gewusst, dass meine Großtante Hanna jede Karte mit Vivat! Vivat! zu unterschreiben pflegt. Meine Cousine schickte über Jahre jeden Sommer die gleiche Karte mit der Aufschrift: Spannung, Sport und Spiel in Esens-Bensersiel. Und meine Mutter schrieb einmal aus Südtirol: Wir erholen uns prächtig. Esther ist letzte Nacht aus dem Bett gefallen.

So ein Postkartenalbum ist ja eine historische Angelegenheit. Wer setzt sich heute noch im Urlaub hin und schickt eine bunte Karte an die Daheimgebliebenen? MMS und E-Mails, gut und schön, aber in ein mit Leder bezogenes Album kleben kann man die nicht. Und ob Tante Trudi vielleicht manchmal doch Fernweh hatte, dieses Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen.

Pandi kommt jedenfalls zu mir.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben