KOLUMNE : DIE HALBE WAHRHEIT

Esther Kogelboom

Ein Kleintransporter fuhr in unsere schmale Straße, stoppte mit quietschenden Reifen und erbrach ein Mikado-Set mobiler Verkehrszeichen. Es waren lauter „Parken verbote“-Schilder in superspeziellen Varianten, unter anderem: ?Hier dürfen nur römisch-katholische Anwohner der Parkraumzone 29 sonntags zwischen sieben und acht Uhr zum Be- und Entladen von Messwein halten.?

Warum werden diese lästigen Dinger eigentlich nicht abgeschafft? Stattdessen erfuhr ich aus der Zeitung, dass sie über Nacht mein Lieblingsverkehrsschild in Rente schicken: das rotgeränderte, dreieckige ?Achtung Steinschlag?-Schild. Ein Skandal!

Es ist nämlich so: Immer wenn das ?Achtung Steinschlag?-Schild am Straßenrand auftaucht, durchströmt mich dieser morbide Schauder, den ich sehr vermissen werde. Wenn so ein Stein sich überlegt, von seinem Muttermassiv hinabzufallen, ist man sehr wahrscheinlich Matsche. Was also ist zu tun? Langsamer fahren? Gas geben? Nein. Einfach in der schauerlichen Gewissheit weiterbrausen, dass es einen bereits in der nächsten Kurve treffen kann. Und dann aus vollem Herzen dankbar sein, wenn es einen eben nicht getroffen hat. Im Grunde genommen ist das ?Achtung Steinschlag?-Schild ein ?Achtung, das Leben kann jeden Augenblick vorbei sein?-Schild. Gott lenkt, der Mensch lenkt.

Einen ganz ähnlichen Effekt hat auch das „Vorsicht, Krötenwanderung“-Schild, das ich vor kurzem bei einem Ausflug in Brandenburg wiederentdeckte. Im Schneckentempo kurvte ich den Werbellinsee entlang, hinter mir bildete sich bereits eine Schlange hupender Einheimischer, die ein paar Mal vergeblich zum Überholen ansetzten. Ich aber starrte auf die Straße, allzeit bereit, für die schleimigen Kreaturen eine Vollbremsung hinzulegen. Es wanderten aber gerade keine Kröten.

Wenn ich ein neues Schild entwickeln dürfte, wäre das ?Auf Autobahnbrücken stehen und stumpf herunterschauen bei Höchststrafe verboten?. Ich begreife das nicht. Warum stehen Menschen auf Autobahnbrücken und betrachten den entgegenkommenden Verkehr wie Kaninchen die Schlange?

Ist es vielleicht die Sehnsucht nach Geschwindigkeit? Wollen diese Leute meditieren? Warten sie am Ende gar auf einen Unfall? Würden sie die Rücklichter der Autos betrachten, könnte man sich das vielleicht noch gutmütig mit romantischem Fernweh erklären: Ach, da hinten kommt irgendwo das Autobahndreieck Wittstock/Dosse, wo das Paradies beginnt ?

So aber bin ich mir sicher, dass in jedem Autobahnbrücken-Steher ein kleiner Teufel steckt, der es liebt, seine Macht zu demonstrieren. Er weiß, wie verwundbar die Menschen in ihren rasenden Blechhüllen sind ? und dass zum Beispiel eine unauffällig fallen gelassene Münze genügen würde, um die Welt der Fahrer aus den Fugen geraten zu lassen. Der Autobahnbrücken-Steher weiß, dass jeder, der ihn von unten betrachtet, eine Schrecksekunde durchleidet, und das gefällt ihm gut, sonst würde er ja auf sein Fahrrad steigen und wegfahren.

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