Kolumne: Die Mitfahrer : Allah ist groß, Allah ist schnell

Strecke: Berlin-München. Dauer: 4 Stunden, 30 Minuten. Auto: Oberklasse-BMW, schwarz. Insassen: 4.

Helmut Schümann

München, Leopoldstraße, Ende der Fahrt. Das junge Ehepaar, das hinten gesessen und die viereinhalb Stunden Fahrzeit von Berlin nach München stumm auf zwei I-Pads verbracht hat, steigt aus der gehobenen Klasse eines bayerischen Autoherstellers aus. Ich auch. Jawohl, viereinhalb Stunden. Der Fahrer, ein junger Mann aus Katar, ist zügig gefahren, eher tief geflogen, aber sehr sicher, sehr professionell.

Zu Beginn hat er noch erzählt, dass er zum Münchener Flughafen muss, die Familie eines saudischen Scheichs abholen, die er dann eine Woche durch Bayern kutschiert. Den Rest der Fahrt über hat er geschwiegen. Eine schnelle, stille Reise, sehr angenehm. Jetzt, am Ende, kassiert der Fahrer 35 Euro pro Nase, vor dem Kofferraum stehend. Dann öffnet er einen Koffer, in dem zahlreiche Bücher liegen, und drückt jedem Fahrgast ein Exemplar in die Hand. „Könnt ihr ja mal reinschauen“, sagt er. Das Buch heißt: „Der edle Qur’an. Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache“.

Dass Allah „Allwissend, Allweise, Allhörend“ ist, wie es auf Seite 149 heißt, hatte ich allerdings schon bei meiner letzten Reise von Berlin nach München erfahren. Der damalige Fahrer war ein Mann um die 30, Münchner mit libanesischem Hintergrund. Neben ihn setzte sich eine junge Studentin, zweites Semester Psychologie. Wir starteten in Neukölln am Hermannplatz. Als wir die Avus erreichten, wusste ich, dass die Worte des Propheten unverrückbar sind. Nahe Halle wusste die Studentin, dass sich Frauen von Männern unterscheiden, und zwar nicht nur rein körperlich.

Der Fahrer drehte sich zu mir um: „Das weißt du doch auch.“ – „Nein.“ – „Na, ist doch klar, Frauen können nicht so logisch denken wie Männer, deswegen müssen Männer entscheiden und den Frauen sagen, was sie zu tun haben.“ – „Ah, ja...“

Vorne auf dem Beifahrersitz prustete die Studentin.

Die Fahrt blieb missionarisch. Und absurd. Ich lernte, dass es islamistische Terroristen nicht gibt, sondern nur erfundene Medienberichte. Ich weiß jetzt gesichert, dass das Paradies hinter dem dritten Himmel liegt (oder war es der siebte?), und dass dort ganz reale Jungfrauen warten. Ein wenig unangenehm wurde die Reise, als der Fahrer erzählte, dass Weise, die den Koran verinnerlicht haben, nie irren. Und wenn jetzt, fuhr er fort, wobei er auf eine Autobahnbrücke deutete, wenn jetzt ein solcher Weiser ihm befehlen würde, vor diesen Brückenpfeiler zu fahren, um ins Paradies zu kommen, dann würde er es ohne Zögern tun.

Es war kein Weiser mit im Auto, Allah sei gepriesen. Wir kamen heil und ungläubig in München an. Helmut Schümann

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