Kolumne: Die Mitfahrer : Die Chauffeurin und ihr Vater

Strecke: Berlin–München Dauer: 6 Stunden, 10 Minuten Auto: VW Polo, dunkelgrün Insassen: 2.

Philipp Stute

Es sei aus dem Nichts gekommen, sagt sie, als wir schon eine Weile auf der Autobahn unterwegs sind. Ein schwerer Schlaganfall. Er habe überlebt, aber um welchen Preis? Gelähmt sei er jetzt, und ob er je wieder ein Wort finden wird, könne keiner sagen.

Es erstaunt mich, wie ruhig sie das sagt. Es ist ihr Vater, über den die Frau am Steuer spricht. Sie ist Mitte 20, hat in Berlin gerade ein Praktikum gemacht, in einem großen Museum, ein gutes Praktikum, eins mit Zukunftsaussichten. Sie hat es abgebrochen, denn sie muss jetzt zurück in ihre Heimatstadt im Süden, um das Leben des Vaters zu sortieren.

Ich bin der einzige Mitfahrer, den sie für 30 Euro bei ihrem Umzug mitnimmt. Mehr würden gar nicht hineinpassen in dieses kleine, vollgestopfte Auto. Der Kofferraum und die Rückbank sind beladen mit Taschen, Tüten, Körben, aus einem großen Wanderrucksack mit kaputtem Reißverschluss quellen bunte Wollsocken: ein hastig zusammengeklaubter Studentenhaushalt.

Die Fahrerin spricht viel über ihren Vater, während wir durch die klare Winternacht fahren. Ich stelle mir vor, wie er neben ihr sitzt. Ein stolzer Mann, weißhaarig, braungebrannt, erfolgreicher Orthopäde mit einer großen Praxis mitten in der Stadt.

Sie sei immer ein Papa-Kind gewesen, sagt die Fahrerin, und im fahlen Licht des Tachos kann ich sie lächeln sehen. Die einzige Tochter. Alles habe der Vater ihr abgenommen, ihre Wohnungen habe er besorgt und alle Versicherungen bezahlt.

Aber nicht mit allen aus der Familie habe er sich so gut verstanden. In letzter Zeit eigentlich mit niemandem mehr. Seine Frau verließ ihn vor Jahren, mit den Geschwistern liegt er im Streit. „Ich bin seine restliche Familie“, sagt die Fahrerin und wechselt die Spur, ohne zu blinken. Sie wird einen Pflegeplatz für ihren Vater suchen, seine Papiere ordnen, vielleicht später das Haus verkaufen. Wie das für sie sei, frage ich. „Ich habe zum ersten Mal Angst, nach Hause zu kommen“, sagt sie einen Kilometer später.

Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr Menschen sich öffnen, die für kurze Zeit eine automobile Schicksalsgemeinschaft bilden. Wie viel sie in ein paar gemeinsamen Stunden in einer engen Fahrgastzelle preisgeben, obwohl sie sich wahrscheinlich nie wiedersehen. Oder vielleicht gerade deswegen.

Wir halten am Hauptbahnhof in München. Ich könne noch mitkommen, um ihr dabei zu helfen, all die Taschen, Tüten, Körbe und den großen Rucksack ins Haus zu bekommen, schlage ich beim Aussteigen vor.

„Danke, aber ich kriege das hin“, sagt sie und winkt.

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