Kolumne: Dr. Wewetzer : Aus dem Takt

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe bei Herzstolpern

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herzstolpern und Herzrasen sind häufig. Oft ist Vorhofflimmern die Ursache, vor allem in fortgeschrittenem Alter. Durch das Vorhofflimmern wird die regelmäßige Weiterleitung elektrischer Impulse aus dem Sinusknoten unterbrochen. Der Sinusknoten ist ein Nervenknoten im rechten Vorhof und so etwas wie der Taktgeber des Herzens. Das elektrische Chaos in den Herzvorhöfen führt dazu, dass Impulse nur noch unregelmäßig und zu schnell an die Herzkammern weitergeleitet werden. Der Puls steigt auf mehr als 100 Schläge pro Minute, das Herz gerät aus dem Takt. Müdigkeit und Erschöpfung können die Folge sein, ebenso wie Schwindel, Brustschmerzen und Atemnot.

Natürlich könnte man sagen: Hauptsache, das Herz schlägt, auch wenn’s unregelmäßig ist. Im Prinzip stimmt das auch. Vorhofflimmern schränkt zwar die Lebensqualität ein, aber für sich genommen nicht die Lebenserwartung. Allerdings steigt das Risiko eines Schlaganfalls auf etwa sechs Prozent pro Jahr. Das ist dann doch keine Kleinigkeit. Bei jedem fünften bis sechsten Schlaganfall ist Vorhofflimmern im Spiel. Der Grund dafür sind Blutpfropfen, die sich in Nischen der flimmernden Herzvorhöfe bilden und von hier aus ins Gehirn sausen. Wer ständig Vorhofflimmern hat, muss deshalb ein Mittel nehmen, das das Blut „verdünnt“. Streng genommen wirken die Medikamente nicht als Verdünner, sondern setzen die Neigung des Blutes zu verklumpen herab.

Seit einem halben Jahrhundert werden dafür Vitamin-K-Blocker aus der Gruppe der Cumarine verwendet, Substanzen wie Warfarin oder Phenprocoumon (Marcumar). Sie hemmen das für die Blutgerinnung wichtige Vitamin K. Damit gelingt es, das Schlaganfallrisiko um etwa 60 Prozent zu senken. Doch das hat seinen Preis, denn die Medikamente können ihrerseits gefährliche Hirnblutungen hervorrufen. Das Risiko liegt bei 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr.

Mittlerweile ist eine neue Generation von Wirkstoffen dabei, Marcumar & Co. abzulösen. Diese Mittel blockieren bestimmte gerinnungsfördernde Eiweiße nicht über den Umweg des Vitamins K, sondern direkt. Sie sind deshalb leichter zu handhaben und mindestens ebenso wirksam wie die bisherigen Medikamente. Ihr größter Vorteil: Bedrohliche Hirnblutungen treten seltener auf. Besonders gut abgeschnitten hat in einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung der neue Wirkstoff Apixaban, er war dem „alten“ Wirkstoff Warfarin deutlich überlegen: weniger Schlaganfälle, weniger Blutungen, geringere Sterblichkeit.

Größter Nachteil der neuen Substanzen ist ihr hoher Preis. Bislang kostete die Behandlung etwa mit Marcumar drei Euro im Monat. Jetzt können es leicht an die 100 Euro sein, rechnet Thomas Meinertz vor, Herzspezialist in Hamburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Es gibt Berechnungen, nach denen das Gesundheitssystem durch die neuen Mittel mit mehr als einer Milliarde Euro im Jahr belastet wird“, sagt Meinertz. Der Fortschritt hat seinen Preis. Aber muss er so hoch sein?

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben