Kolumne: Dr-. Wewetzer : Besser für den Bauch

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Gewichtsverlust, ständige Durchfälle, Bauchschmerzen, Fieber und Ermattung – hinter diesen Krankheitszeichen kann sich eine chronische Darmentzündung verbergen. Die häufigsten chronischen Darmentzündungen sind die auf den Dickdarm beschränkte Colitis ulcerosa und der Morbus Crohn. Die Crohn-Krankheit befällt hauptsächlich den Dünndarm, kann aber auch jeden anderen Teil des Verdauungstrakts vom Mund bis zum After treffen. Dank neuer Medikamente gelingt es heute, die Crohn-Krankheit wesentlich besser zu behandeln, auch und gerade in hartnäckigen Fällen.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass nicht viel mehr Menschen an der Crohn-Krankheit leiden. Jedenfalls wenn man sich vor Augen hält, welche Aufgaben der Darm zu bewältigen hat. Wenn man seine gesamte, in sich gefaltete und mit kleinen Fortsätzen versehene Oberfläche ausbreitet, kommt man auf eine Fläche von 400 Quadratmeter, ein Quadrat von 20 Meter Seitenlänge. Mit Hilfe dieses riesigen Areals, überwiegend Dünndarm, nehmen wir unsere Nahrung auf. Gleichzeitig muss der Organismus sich auf den 400 Quadratmetern vieler unliebsamer Eindringlinge erwehren – Krankheitserreger, die es zu bekämpfen gilt. Der Körper muss also einen Spagat zwischen erlaubter, ja lebenswichtiger Aufnahme von Nahrungsstoffen, dem Tolerieren nützlicher und harmloser Darmbakterien und dem Ausschalten gefährlicher Keime wagen. Beim Morbus Crohn ist diese Balance gestört. Das Immunsystem läuft gewissermaßen Amok, die Entzündung kann Abschnitte des Darms regelrecht zerfressen und Gänge in den Körper graben, Fisteln genannt.

Im Zentrum der Selbstzerstörung steht ein Eiweiß namens Tumor-Nekrose-Faktor-alpha, kurz TNF-alpha. Eigentlich ist TNF-alpha nützlich, weil die Substanz bei Eindringen von Krankheitserregern die Körperabwehr alarmiert. Aber bei chronischen Darmentzündungen, rheumatischer Gelenkentzündung, der Schuppenflechte und einigen weiteren Erkrankungen ist TNF-alpha außer Kontrolle.

Seit einiger Zeit werden erfolgreich Antikörper gegen TNF-alpha eingesetzt, etwa Infliximab (vermarktet als „Remicade“). Die Antikörper heften sich an TNF-alpha und blockieren das Molekül. Die Behandlung ist meist sehr wirksam, aber sie hat ihren Preis: bis zu 20 000 Euro im Jahr kann die Therapie mit „Remicade“ kosten. Zudem müssen erhebliche Nebenwirkungen berücksichtigt werden, so eine erhöhte Tuberkulosegefahr.

Werden die Risiken bedacht und kontrolliert, kann die Behandlung bei schweren Fällen segensreich wirken. Etwa bei Crohn-Patienten in jungen Jahren, denen die Krankheit besonders zusetzt. Sie werden mitunter regelrecht ausgezehrt, an der Entwicklung gehindert und aus der Bahn geworfen. „Gerade junge Patienten bekommen ihr Leben durch die Therapie wieder in den Griff und können ihre Ausbildung abschließen, statt auf Frührente zu gehen“, sagt Britta Siegmund, Magen-Darm-Expertin an der Berliner Charité. Das ist sogar einen hohen Preis wert.

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