Kolumne: Dr. WEWETZER : Der Malaria- Marathon

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Impfstoff gegen den größten Killer der Menschheit

Es war der Moment der Wahrheit. Der kleine Raum in Maputo, Mosambik, war überfüllt und überhitzt. Niemand wagte zu sprechen. Angestrengt rechneten die Statistiker die Ergebnisse der Impfstoff-Studie aus. Schützte die Malaria-Impfung kleine Kinder? Oder drohte einer jener ungezählten Rückschläge im Kampf gegen die Tropenkrankheit? 17 Jahre hatte Joe Cohen, Impfstoffentwickler bei der Pharmafirma GSK, bereits an dem Projekt gearbeitet, unzählige Aufs und Abs erlebt. Dann die Erleichterung – der Impfstoff schützte tatsächlich in erheblichem Maße vor Infektion und Krankheit! „Unsere Angst wich grenzenloser Erleichterung und Begeisterung“, erinnert sich Cohen.

Was sich da 2003 in Maputo abzeichnete, war mehr als ein Hoffungsschimmer. Inzwischen wird der Impfstoff mit dem Kürzel RTS,S an 16 000 afrikanischen Kindern abschließend getestet, Ende des Jahres sind die Impfungen abgeschlossen. 2012 könnte die Zulassung beantragt werden, 2015 die Impfprogramme in Afrika beginnen, dem Brennpunkt der Malaria. Nach den bisherigen Ergebnissen kann RTS,S etwa jede zweite Malaria-Attacke vereiteln. Wer meint, von einem Impfstoff mehr erwarten zu können als 50-prozentigen Schutz, hat zwar im Prinzip recht. Er sollte sich jedoch vor Augen halten, dass weltweit fast jeder Zweite durch den Malaria-Parasiten bedroht ist. Jedes Jahr erkranken bis zu einer halben Milliarde, eine Million sterben an Malaria.

80 Prozent der Todesopfer sind afrikanische Kinder, die jünger als fünf Jahre sind. Wenn der Impfstoff hält, was er verspricht, dann werden Jahr für Jahr Hunderttausende von Kindern gerettet werden können. Er kann helfen, die gefährlichen ersten Lebensjahre zu überstehen. Im epischen Ringen mit dem größten Killer in der Menschheitsgeschichte bedeutet das einen womöglich entscheidenden Durchbruch. Als Reiseimpfung für Touristen ist RTS,S dagegen nicht geeignet.

Der Malaria-Erreger Plasmodium falciparum, ein einzelliger Parasit, hat sich in Jahrmillionen an seinen Wirt angepasst. Die Tatsache, dass er die meisten Menschen am Leben lässt, garantiert dabei zynisch gesagt auch sein eigenes Überleben. Plasmodium falciparum ist in jeder Hinsicht wandlungsfähig. Umso höher wiegt das Verdienst, endlich einen Impfschutz zu haben – auch wenn es Jahrzehnte dauerte, bis es soweit war. GSK und die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung haben dabei Hand in Hand gearbeitet.

Der gentechnisch hergestellte Impfstoff enthält auch verschiedene Verstärker. Ohne sie wäre er weitgehend wirkungslos. Zudem erlauben die Verstärker es, das Antigen – also die eigentliche Substanz, gegen die geimpft werden soll – ganz gezielt auszuwählen. Im Falle der Malaria ist das ein Eiweiß des Sporozoiten. Das ist jene Form, die der Parasit nach dem Eindringen in den Blutstrom besitzt. Hier gilt es, ihn sogleich abzufangen. Zusätzlich ist das Antigen an ein Eiweiß des Hepatitis-B-Virus gekoppelt, eines gefährlichen Gelbsucht-Erregers. Das verbessert den Impfschutz – und feit außerdem sogar gegen Hepatitis B.

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