Kolumne: Dr. WEWETZER : Die Blutspur

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten

Blutspuren sind verräterisch. Sie deuten auf Tat und Täter hin. Das ist bei vielen Krankheiten nicht anders. Auch sie hinterlassen ihre Signatur im Blut. Wie aber wäre es, wenn man dem Übeltäter noch vor dem Verbrechen zuvorkommen würde, weil die Spur ihn frühzeitig überführt hat? An dieser Idee arbeiten Mediziner und Wissenschaftler. Krebs ist der Name des Schurken, auf den sie es abgesehen haben.

Krebs, das ist ungesteuertes, zerstörerisches Wachstum. Es ist aber meist nicht die ursprüngliche Geschwulst, an der Tumorkranke sterben. Zu 90 Prozent sind Metastasen die Todesursache, Absiedlungen, die sich zum großen Teil über das Blut verbreiten. Viele Forscher konzentrieren sich deshalb darauf, Krebszellen im Blut zu entdecken. Meist prüfen sie, ob nach einer Krebsbehandlung noch Tumorzellen unterwegs sind.

Einen anderen Weg geht die Biotechnik-Firma „Chronix Biomedical“. Das Unternehmen arbeitet an einem Test, mit dem nicht Krebszellen selbst, sondern deren Erbsubstanz im Blut aufgespürt werden kann. Auf dem amerikanischen Krebskongress in Chicago präsentierte das Unternehmen seine Ergebnisse. Zwar sind Krebszellen im Prinzip „unsterblich“, weil sie sich unablässig teilen. Eine Tumorzelle gleicht einem Auto, bei dem die Bremsen ausgefallen sind und das mit Vollgas unterwegs ist. Trotzdem kommt es vor, dass ein in jeder Zelle eingebautes „Selbstmordprogramm“ anspringt und die kranke Zelle abschaltet. Aus der abgestorbenen Zelle wird Erbsubstanz frei. Die kann im Prinzip nachgewiesen werden, wenn sie in den Kreislauf gelangt und so zur Blutspur wird.

Chronix hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Erbinformation aus Tumorzellen in Blutproben erkannt werden kann. Dabei macht man sich die Fortschritte beim raschen Lesen von genetischer Information zunutze. In einem ersten Testlauf gelang es, mit großer Genauigkeit Patienten mit Brust- oder Prostatakrebs über die Blutprobe zu erkennen. Die Forscher stießen auf für die jeweiligen Tumoren typische Erbgutveränderungen. Nun hoffen sie, einen breit anwendbaren Test zu entwickeln, mit dem diese Krebsarten frühzeitig erkannt werden können. Dann könnten eines Tages das Röntgen der Brust oder der Prostata-Test PSA als Früherkennungsmethoden abgelöst werden. Aber das ist Zukunftsmusik.

Ob das Testverfahren Potenzial hat, muss nun sorgfältig geprüft werden. Der Krebsforscher Klaus Pantel von der Hamburger Uniklinik ist eher skeptisch. „Oft sehen die ersten Ergebnisse geradezu sensationell aus, später kehrt dann Ernüchterung ein“, sagt er. Das Verfahren muss nicht nur zuverlässig, sondern auch bezahlbar sein. Bislang kosten Erbguttests nicht selten Tausende von Euros, was das Budget jedes Früherkennungsprogramms sofort sprengen würde. Bis zu einem wirklich brauchbaren Bluttest für jedermann wird also vermutlich noch eine ganze Zeit vergehen. Klaus Pantel sagt, dass er seit mehr als 25 Jahren auf der Suche ist. Ganz so lange wird es vermutlich nicht mehr dauern.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Viele weitere medizinische Themen, Beratung und Information finden Sie auch in unserem Gesundheitsportal: www.gesundheitsberater-berlin.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!