Kolumne: Dr. Wewetzer : Die Drogentherapie

An Nierenkrebs erkrankt, verfiel der Amerikaner Clark Martin, 65, in eine Depression.

Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut Wewetzer -Foto: Kai-Uwe Heinrich

An Nierenkrebs erkrankt, verfiel der Amerikaner Clark Martin, 65, in eine Depression. Medikamente und Psychotherapie halfen nicht viel. Und so entschloss sich der ehemalige Psychologe zu einem ungewöhnlichen Trip. An der Klinik der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore nahm er an einem Drogenexperiment teil. Er schluckte Psilocybin, ein aus einem Pilz gewonnenes Halluzinogen. „Plötzlich verschwand alles, woran ich gewöhnt war, es verdunstete regelrecht“, erinnert er sich. „Stellen Sie sich vor, Sie fallen aus einem Boot in den Ozean. Dann drehen Sie sich um und stellen fest, dass das Boot verschwunden ist. Und dann das Wasser. Und dann Sie.“

Nie zuvor hatte der Rentner eine solche psychedelische Erfahrung gehabt. Aber heute, ein Jahr später, ist er überzeugt, dass Psilocybin ihm half, seine Niedergeschlagenheit zu überwinden. Martins Geschichte breitete die „New York Times“ kürzlich auf ihrer Titelseite aus. Als Patient steht Clark Martin nicht allein. In den USA erlebt die Erforschung bewusstseinsverändernder Drogen eine Renaissance. Ärzte und Forscher erproben Psilocybin und andere Drogen als Mittel gegen die Depression von Krebskranken, gegen die Zwangskrankheit, gegen Angst am Ende des Lebens, gegen posttraumatischen Stress und Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Noch ist nicht klar, ob die Halluzinogene Psilocybin und LSD oder das euphorisierende MDMA („Ecstasy“) halten, was sich manche von ihnen versprechen.

Positive Fallgeschichten wie die des krebskranken Psychologen sind beeindruckend, aber wissenschaftlich reichen sie nicht aus. Und um Wissenschaft geht es einer neuen Generation von Forschern. Nach der Verklärung von LSD und Co. durch Drogenpropheten in den 1960er Jahren und einer anschließenden 40jährigen Tabuisierung wollen sie klären, ob Menschen in Krisen mit unorthodoxen „Medikamenten“ geholfen werden kann. Nüchtern und ideologiefrei.

Dazu bedarf es solider Studien. Eine erschien 2008 im „Journal of Psychopharmacology“. Wissenschaftler der JohnsHopkins-Universität testeten, welche Wirkung Psilocybin auf religiöse oder spirituell inspirierte Menschen hatte. Die Versuchspersonen erhielten Psilocybin oder das konzentrationsfördernde Medikament Ritalin. Um die Effekte möglichst objektiv studieren zu können, wussten weder die Teilnehmer noch die Ärzte, wer welches Mittel bekam. Das Psilocybin entfaltete eine auch 14 Monate später noch prägende mystische Erfahrung, ein Gefühl des Einsseins mit dem Kosmos.

Schon jetzt ist klar, dass solche brisanten Wirkstoffe für viele Menschen niemals in Frage kommen werden. Aber die Erforschung ist sinnvoll. „Davon verspreche ich mir große Erfolge“, sagt der Psychiater Hinderk Emrich. Er behandelt an einer Klinik in Hannover Krebspatienten mit dem Cannabis-Wirkstoff THC und hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. „Sie haben weniger Schmerzen und fühlen sich besser“, berichtet er. Doch die Skepsis unter seinen Kollegen ist groß, berichtet Emrich. Der Weg zur „Drogentherapie“ ist noch lang.

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