Kolumne: Dr. WEWETZER : Ermüdende Viren

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Was hinter der chronischen Erschöpfung stecken könnte.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Jazzpianist Keith Jarrett gehört zu den prominentesten Opfern des chronischen Erschöpfungssyndroms. Für mehrere Jahre stürzte es den Künstler in eine tiefe Krise. Typisch für das Erschöpfungssyndrom ist eine sich häufig über Jahre hinziehende ständige Müdigkeit und diffuse Beschwerden, etwa Kopf- und Gliederschmerzen und Gedächtnisprobleme. Bis heute gibt es keine eindeutige Festlegung, was die Störung im Kern ausmacht, sie ist häufig das, was Mediziner eine „Ausschlussdiagnose“ nennen. Wenn andere Ursachen ausgeschlossen wurden, kommt man am Ende auf das Erschöpfungs- oder Müdigkeitssyndrom, kurz CFS. Aber das könnte sich ändern. Denn US-Forscher haben Virusspuren in den Blutproben chronisch Erschöpfter festgestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hinweise auf einen Krankheitserreger gefunden wurden. Doch Judy Mikovits vom Whittemore-Peterson-Institut in Reno, das auf CFS spezialisiert ist, ist ziemlich sicher, den Übeltäter aufgespürt zu haben. Es handelt sich um ein Virus mit Namen XRMV. Wie Mikovits und ihr Team in der Online-Ausgabe des Fachblatts „Science“ berichteten, fanden sie bei 68 von 101 CFS-Patienten das Erbgut des Virus in weißen Blutkörperchen. Bei Gesunden wurden sie nur bei 3,7 Prozent fündig. Mittlerweile glaubt Mikovits, das Virus bei 98 Prozent der Patienten nachzuweisen. „Jetzt ist es zweifelsfrei bewiesen, dass CFS eine wirkliche Krankheit ist“, sagt sie.

Die Wissenschaftlerin war auf das Virus gestoßen, weil andere Forscher XRMV bei Prostatakrebs nachgewiesen hatten. Die Krebspatienten hatten ein verändertes Eiweißmolekül, das auch bei CFS-Betroffenen gefunden wird. Und so entschloss sich Mikovits, bei CFS nach dem Virus zu suchen – mit Erfolg.

XRMV ist ein Retrovirus, wie das Immunschwächevirus HIV, der Erreger von Aids. Es ist irgendwann von der Maus auf den Menschen übergegangen, und es überträgt sich möglicherweise von Mensch zu Mensch. Welche Rolle diese Retroviren für den Menschen spielen, ist noch ungeklärt. Bei der Maus werden baugleiche Viren im Erbgut mitgeschleppt und weitervererbt. „Endogene Retroviren“ heißen diese blinden Passagiere des Genoms. Erstaunliche acht Prozent des menschlichen Erbguts bestehen aus endogenen Retroviren.

Sollte Judy Mikovits recht haben, wäre nicht nur eine Ursache für CFS, sondern auch eine Behandlung gefunden, denn man könnte die Viren bekämpfen. Doch möglicherweise ist XRMV gar nicht der Übeltäter, sondern nur ein Trittbrettfahrer, gibt Norbert Bannert zu bedenken, Virusforscher am Berliner Robert-Koch-Institut. Bannert hat versucht, XRMV bei Prostatakrebs nachzuweisen. Während seine US-Kollegen das Virus bei jedem vierten Patienten fanden, wurde er nicht ein einziges Mal fündig. Ähnlich fiel das Ergebnis bei einem Hamburger Forscherteam aus. Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise: Auch die Viren bei CFS müssen noch andere Forscher bestätigen. Die Suche hat schon begonnen.

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