Kolumne: Dr. WEWETZER : Flucht aus dem Dreieck

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man gefährliche Blutungen stoppt

Schwerverletzte sind häufig von einem „Dreieck des Todes“ bedroht. Hinter diesem Begriff aus der Notfallmedizin verbergen sich gefährliche Komplikationen, die sich gegenseitig aufschaukeln können. Starke verletzungsbedingte Blutungen lassen den Körper auskühlen. Das verschlechtert die Blutgerinnung, was wiederum die Blutung weiter verstärkt. Die Folge der schlechten Blutversorgung ist eine Übersäuerung der Organe und des Blutes. Das wiederum schwächt den Herzmuskel, vermindert damit den Sauerstofftransport und führt so zu weiterer Unterkühlung. Ein „Dreieck“ also aus Unterkühlung, gestörter Blutgerinnung und Übersäuerung.

Wenn es gelingt, die Blutgerinnung zu normalisieren, dann bricht man aus dem Dreieck des Todes aus. Neben Basismaßnahmen wie Wärmeschutz, Blutstillung und der Stabilisierung des Kreislaufs können Medikamente helfen. Die Mittel sollen das Auflösen von Blutgerinnseln durch körpereigene Enzyme stoppen. Das gestörte Gleichgewicht zwischen Blutverflüssigung und Blutgerinnung wird in Richtung Gerinnung verschoben.

Wie eine im Fachblatt „Lancet“ online veröffentlichte Studie ergeben hat, können auf diese Weise vermutlich viele Menschenleben gerettet werden. An der Untersuchung mit dem sinnigen Namen „Crash-2“ nahmen 274 Krankenhäuser in 40 Ländern teil – und 20 000 Patienten, die verletzt eingeliefert worden waren, stark bluteten oder von einer Blutung bedroht waren. Die Verletzten bekamen kurz nach der Einlieferung entweder den Blutungsstopper Tranexamsäure oder ein wirkstofffreies Scheinmedikament.

Tranexamsäure (TXA) verringerte die Gefahr, an einer Blutung zu sterben ebenso wie die Gesamtsterblichkeit. In der Gruppe der TXA-Patienten starben 14,5 Prozent. 16 Prozent waren es in der Gruppe, die kein TXA bekommen hatte. 1,5 Prozent weniger Todesfälle also, das klingt nach einem eher bescheidenen Ergebnis. Aber allein an Verkehrsunfällen sterben weltweit jedes Jahr mehr als eine Million Menschen, infolge von Gewalteinwirkung sogar etwa 1,6 Million. Die Forscher schätzen, dass TXA jährlich 100 000 Todesfälle verhüten kann. TXA ist zudem patentfrei und billig.

„Die Behandlung von Patienten mit diffusen unkontrollierbaren Blutungen ist immer eine große Herausforderung“, sagt Justus Hilpert, Intensivmediziner am Klinikum Benjamin Franklin der Berliner Charité. „Tranexamsäure kann eine wertvolle Hilfe sein und hat sich bei uns ebenfalls schon bewährt, aber ein Wundermittel ist das Medikament auch nicht.“

Medikamente, die Blutungen stoppen, können auch des Guten zuviel tun. Sie erhöhen das Risiko von Blutpropfen im Gefäßsystem, etwa in Herz, Hirn oder den Beinen. Deshalb will ihr Einsatz genau überlegt sein. Aprotinin, ein ähnlicher Wirkstoff wie TXA, musste wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. TXA ist offenbar verträglicher. Die Forscher wollen es nun auch bei Hirnblutungen und Blutungen nach der Geburt erproben.

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