Kolumne: Dr. Wewetzer : Folsäure contra Autismus

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Neuer Nutzen des Schwangerschaftsvitamins.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Frauen, die schwanger werden wollen, sollten vorsorglich Folsäure in Pillenform zu sich nehmen. Das B-Vitamin kommt in freier Wildbahn etwa in grünem Blattgemüse (Spinat) und in Kalbs- oder Geflügelleber vor und ist wichtig für Zellteilung und Wachstum. Entscheidend ist es im frühen Stadium der Schwangerschaft während der ersten vier Wochen. In dieser Zeit ist der Bedarf an Folsäure besonders hoch. Mangelt es an „Schwangerschaftsvitamin“, besteht die Gefahr, dass sich sich der Rückenmarkskanal nicht schließt. Die Folge ist ein offener Rücken, die Spina bifida, ein Problem, mit dem die Betroffenen ein Leben lang zu kämpfen haben.

In Ländern wie den USA und Kanada ist es deshalb seit 1998 gesetzlich vorgeschrieben, das Mehl mit Folsäure anzureichern. Seitdem ist die Zahl der Behinderungen durch Spina bifida deutlich zurückgegangen. Mehr als 50 Länder haben sich der Idee bereits angeschlossen. In Deutschland allerdings sind ähnliche Initiativen, etwa von Kinderärzten, am Widerstand von Verbraucherschützern gescheitert. Stattdessen gab es Aufklärungskampagnen, die wirkungslos verpufften. Das Ergebnis sind im internationalen Vergleich besonders viele Schwangerschaften, bei denen eine Spina bifida auftritt. Meist werden sie abgebrochen. Manchmal verkehrt sich Verbraucherschutz eben ins Gegenteil.

Aber dies ist eigentlich eine Kolumne zu positiven Nachrichten, und die gibt es beim Thema Folsäure tatsächlich. In Norwegen sind Wissenschaftler nämlich auf einen weiteren möglichen Nutzen der Folsäure in der Schwangerschaft gestoßen. Wie Pal Surén vom Norwegischen Institut für Public Health in Oslo und seine Kollegen im Fachblatt „Jama“ berichten, kann die vorsorgliche Einnahme die Gefahr von Autismus beim Kind senken. Autismus ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns, bei der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Kommunikation gestört sind und wiederkehrendes stereotypes Verhalten auftritt.

Wie in Deutschland wird in Norwegen das Mehl nicht angereichert, so dass ein Effekt der Folsäure-Einnahme besonders deutlich hervortrat. Denn viele junge Frauen haben keinen ausreichenden Folsäurespiegel und die meisten nehmen es nicht vorsorglich. Die Forscher werteten Informationen über mehr als 85 000 Babys aus, die in Norwegen zwischen 2002 und 2008 geboren wurden. In den nächsten drei bis zehn Jahren wurden 270 Fälle autistischer Störungen registriert. Frauen, die frühzeitig Folsäure genommen hatten, hatten ein um 40 Prozent geringeres Risiko, dass ihr Kind autistisch gestört war.

Die Ergebnisse ergänzen frühere Studien, nach denen Folsäure die Entwicklung des kindlichen Nervensystems fördert. Allerdings ist sie kein letzter Beweis, denn bei solchen Untersuchungen kann es immer sein, dass neben Folsäure andere Ursachen eine Rolle für das Ergebnis spielen. Wenn die Resultate andernorts bestätigt werden, ist das allerdings ein weiterer starker Beleg für den Nutzen der Folsäure. Und natürlich ein Argument dafür, dass sie ins Mehl gehört.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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