Kolumne: Dr. WEWETZER : Glückliches Herz

Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer glücklich ist, wird seltener herzkrank. Klingt wie eine Binsenwahrheit, bei der man sich fragt: Und das soll neu sein? Das weiß doch jeder! Aber ganz so einfach ist es nicht. Selbst Tatsachen, die scheinbar auf der Hand liegen, müssen bewiesen werden. Das ist jetzt geschehen, zumindest zum Teil.

Karina Davidson von der New Yorker Columbia-Universität und ihre Mitarbeiter befragten gut 1700 Personen nach ihrer Seelenlage, nach guten und schlechten Gefühlen, und beobachteten über eine Zeit von zehn Jahren, ob es eine Verbindung zwischen der Stimmung und dem Ausbruch einer koronaren Herzkrankheit gab.

Für traurige Emotionen ist ein Zusammenhang schon ganz gut belegt. Wer depressiv ist, dessen Herzgesundheit wird entsprechend negativ beeinflusst. Davidson aber konzentrierte sich auf die positiven Emotionen wie Freude, Überschwang, Begeisterungsfähigkeit und Zufriedenheit. Die Welt dieser hellen Gefühle lässt sich weitgehend unabhängig von der der dunklen betrachten und untersuchen. Auch ein „positiver“ Mensch, dem es im Allgemeinen gut geht, darf gelegentlich ängstlich, zornig oder deprimiert sein. Das ist ganz normal. Entscheidend ist das Gesamtbild. Die Teilnehmer wurden auf einer Fünf-Punkte-Glücksskala eingruppiert, beginnend bei „überhaupt nicht“ bis zu „extrem“. Die Unglücksraben auf der untersten Stufe hatten ein um 22 Prozent erhöhtes Risiko für Herzleiden, verglichen mit der nächsthöheren Gruppe. Diese wiederum hatten ebenfalls ein 22 Prozent höheres Risiko als die Gruppe darüber. Ein Trend, der sich in die höheren Glückszonen fortsetzte.

Auf welche Weise der Glücksfaktor das Herz entlastet, ist noch nicht geklärt. Es könnte sein, dass die innere Ausgeglichenheit auch den Kreislauf entspannt. Oder dass ein zufriedener Mensch sich leichter von Stress erholt, ihn „sich nicht so zu Herzen nimmt“. Noch sind das Spekulationen, sagt Davidson. „Wir beginnen erst zu verstehen, warum positive Emotionen die Gesundheit begünstigen.“

Natürlich, ärztliche Herzspezialisten sind eher aufs Risiko gepolt: Hoher Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin, Rauchen. Hier gibt es Messwerte und Medikamente, hier weiß man genau, woran man ist und wie zu handeln ist. Glück ist nicht so leicht zu greifen. Die Untersuchung ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, aber der Effekt einer „Glückstherapie“ aufs Herz muss noch geprüft werden. Besteht sie den Test, könnten wir einen großen Schritt weiter sein – endlich eine „positive“ Therapie fürs Herz.

Aber solange muss man nicht warten. Statt sich die guten Gefühle für den Jahresurlaub aufzusparen, rät Davidson schon einmal zur täglichen kleinen Dosis Glück. Gönnen Sie sich ein Viertelstündchen am Tag für das, was Sie gerne tun: Musik hören, einen Roman lesen, eine Partie Solitär. Hauptsache, es entspannt Sie und hilft beim Abschalten. Wann war es so einfach und angenehm, nicht nur dem geistigen Wohlbefinden, sondern auch seinem Herzen etwas Gutes zu tun?

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