Kolumne: Dr. Wewetzer : Gut geschätzt ist halb geheilt

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum Statistik Menschen retten kann

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Statistik hat keinen besonders guten Ruf. „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, sagt man, wenn einem das Ergebnis einer Untersuchung nicht gefällt. Erst recht scheint das für die Medizin zu gelten. Kaltes Zahlenwerk und Heilkunde gehen schlecht zusammen, zumindest auf den ersten Blick. Aber dieser Eindruck täuscht. In Wahrheit sind die Waffen der Logik mindestens ebenso scharf wie das Skalpell des Chirurgen oder das Arzneimittelarsenal des Internisten, wenn es darum geht, Krankheiten zu bekämpfen. Die Statistik gleicht einem Pfadfinder, der den Weg zu neuen Therapien weist.

Im August dieses Jahres starb einer der einflussreichsten dieser Pfadfinder, der amerikanische Statistiker Paul Meier, im Alter von 87 Jahren. Obwohl in der Öffentlichkeit praktisch unbekannt, hat er geholfen, das Leben von Millionen Menschen zu retten, wie Meiers Kollege Richard Peto von der Universität Oxford hervorhob. Meier entwickelte statistische Instrumente, mit deren Hilfe wirksame von unwirksamen Heilmethoden unterschieden werden können. Zeit, noch einmal an Paul Meier zu erinnern.

Eines von Meiers größten Verdiensten ist sein Eintreten für die Randomisierung. Abgeleitet vom englischen Wort für „Zufall“ (random) verbirgt sich dahinter das Prinzip, das beim Vergleich zweier Heilmethoden in einer wissenschaftlichen Untersuchung die Kranken nach dem Zufallsprinzip entweder nach der ersten oder der zweiten Methode behandelt werden. Auf diese Weise werden Einflüsse, die das Ergebnis verändern können, wie das Alter, Rauchgewohnheiten oder der allgemeine Gesundheitszustand, auf beide Gruppen verteilt und löschen sich gegenseitig aus. Übrig bleibt der tatsächliche Nutzen durch die eine oder die andere Methode, der sich im Vergleich herausstellt.

Paradox: Nur mit Hilfe des Zufalls, der scheinbaren Beliebigkeit, gelangt man zur Wahrheit. Wie andere große wissenschaftliche Erkenntnisse widerspricht auch diese der Intuition. Deshalb gab und gibt es immer noch Widerstand gegen die Randomisierung. Aber inzwischen nur noch von denen, die wissen, dass ihre Heilmethoden objektiven Maßstäben nicht so recht genügen und die sich deshalb auf Nebenwegen und Abkürzungen ins Ziel mogeln wollen.

Meiers zweites Vermächtnis trägt seinen Namen: Kaplan-Meier-Schätzer. Gemeinsam mit seinem Kollegen Edward Kaplan entwickelte der Mathematiker, damals an der Universität von Chicago, ein Verfahren, mit dem man das Überleben und andere wichtige Ergebnisse nach einem medizinischen Eingriff bildlich darstellen kann. Oft bündeln solche Kaplan-Meier-Kurven die Informationen über etliche Jahre. Das Schätzverfahren ermöglicht es, trotz der vielen „Aussteiger“ aus einer Studie zu zuverlässigen Ergebnissen zu kommen. Kaplan-Meier-Kurven finden sich jede Woche hundertfach in medizinischen Studien. Sie zeigen auf den ersten Blick, wie gut eine Heilbehandlung wirkt. So trennen sie die Spreu vom Weizen. Und die Wahrheit kommt ans Licht. Danke, Herr Meier.

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