Kolumne: Dr. Wewetzer : Hilfe am Morgen danach

Es war eine schallende Ohrfeige für die amerikanische Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius. Vor kurzem ordnete der New Yorker Bundesrichter Edward Korman an, dass die „Pille danach“ für Frauen jeden Alters ohne Rezept zugänglich gemacht werden müsse.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Korman setzte der Regierung eine Frist von 30 Tagen. Die „Pille danach“ ermöglicht eine „Notfallverhütung“ nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Bisher dürfen in den USA nur Männer ab 18 und Frauen ab 17 das Medikament rezeptfrei kaufen. Obamas Gesundheitsministerin Sebelius hatte die von Experten empfohlene Lockerung blockiert, vermutlich auf Druck konservativer Kirchenkreise. Die Position der Regierung in dieser Frage sei „willkürlich, kapriziös und unvernünftig“, urteilte Korman.

Man fragt sich, was der scharfzüngigige Richter wohl über die deutsche Bundesregierung sagen würde. In Deutschland ist die Pille danach in jedem Fall rezeptpflichtig. Dabei hat der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht schon vor zehn Jahren dem zuständigen Bundesgesundheitsministerium empfohlen, die Rezeptpflicht für die Pille danach aufzuheben. Passiert ist seitdem nichts. Und das, obwohl die Weltgesundheitsorganisation die Freigabe empfiehlt, mit der man übrigens auch in 28 europäischen Ländern gute Erfahrungen gemacht hat. Mit seiner Rezeptpflicht steht Deutschland auf dem Kontinent also weitgehend allein da, lediglich die katholischen Länder Polen und Italien sind „gleichauf“.

Dahinter mag die Annahme stehen, die Pille danach bewirke einen Schwangerschaftsabbruch und sei deshalb aus katholischer Sicht abzulehnen. Bezeichnend waren die Vorgänge in zwei katholischen Kliniken in Köln, in denen einer vergewaltigten Frau im Dezember 2012 die Pille danach vorenthalten wurde. Wohl auch aus der Furcht heraus, das Mittel könne eine befruchtete Eizelle abtöten. Doch die Pille danach ist keine „Abtreibungspille“. Der Wirkstoff Levonorgestrel verhindert ähnlich wie die normale „Pille“ Eisprung und Befruchtung. Das Präparat verringert also die Wahrscheinlichkeit einer ungewollten Schwangerschaft – und damit meist auch die eines Abbruchs.

Wichtig ist, dass die Pille danach rasch eingenommen wird. Der Besuch beim Gynäkologen zwecks Rezept kostet wertvolle Zeit und ist unnötig, auch wenn Standesvertreter der Frauenärzte das naturgemäß anders sehen. Der Wirkstoff Levonorgestrel wird gut vertragen, die Informationen aus dem Beipackzettel sind im Allgemeinen ausreichend und verständlich, und offene Fragen kann auch der Apotheker beantworten.

Die gute Nachricht ist, dass es zum Thema in zehn Tagen noch einmal eine Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags geben wird. Danach will man endgültig entscheiden, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Hoffentlich zu Gunsten der Frauen. Einen energischen Bundesrichter haben die Politiker aber wohl nicht zu befürchten. In den USA ist man da längst weiter. Dort wird schon darüber nachgedacht, die ganz normale „Pille“ ohne Rezept abzugeben.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben