Kolumne: Dr. Wewetzer : Langsamer altern

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Anti-Aging von der Osterinsel

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Letzte Woche präsentierten amerikanische Wissenschaftler im Fachblatt „Nature“ einen Wirkstoff, der in einer alternden Gesellschaft wie der unseren revolutionäres Potenzial hat. Er heißt Rapamycin und enthält gewissermaßen Zeit in Pillenform. Zumindest für Mäuse. Fütterte man die Nager im fortgeschrittenen Mäusealter von 600 Tagen – das entspricht 60 Menschenjahren – mit Rapamycin, erhöhte sich ihre noch zu erwartende Lebensspanne um 28 bis 38 Prozent. Das war gleichbedeutend mit 100 bis 150 Tagen, umgerechnet zehn bis 15 Menschenjahre. Es ist, als ob die Lebensuhr für die Tiere langsamer tickt.

Geht das auch beim Menschen? Das ist natürlich die Preisfrage. „Ich beschäftige mich seit 35 Jahren mit Alternsforschung und es gab in all diesen Jahren so viele erfolglose ,Anti-Aging-Behandlungsansätze“, sagte Arlan Richardson, einer der beteiligten Forscher von der Universität von Texas in San Antonio. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich eine Anti-AgingPille noch erleben würde, aber Rapamycin ist wirklich vielversprechend.“

Rapamycin ist ein Naturstoff. Er wird von Bakterien hergestellt, die sich damit gegen Pilze zur Wehr setzen. Entdeckt wurde er in Bodenproben der Osterinsel im Pazifik, woher auch der Name Rapamycin rührt, denn die Osterinsel heißt auf polynesisch „Rapa Nui“. Der Wirkstoff wird bereits in der Medizin eingesetzt. Er unterdrückt Abstoßungsreaktionen bei Organspende-Empfängern, wird bei fortgeschrittenem Nierenkrebs verwendet und in Beschichtungen auf Gefäßstützen, Stents genannt, die das Zuwachsen aufgedehnter Herzkranzgefäße verhindern.

Rapamycin blockiert in den Zellen ein Eiweiß namens „Tor“, das eine Schlüsselrolle bei Alterungsprozessen hat. „Tor“ ist ein Enzym, das Stoffwechsel und Wachstumsprozesse ankurbelt. Es lässt die Lebensuhr schneller laufen.

Kalorische Restriktion – „gepflegtes Hungern“, ohne dass es zur Mangelernährung kommt – dimmt „Tor“ herunter. Der Stoffwechsel wird geschont, Verschleiß- und Entzündungsprozesse verringert, altersbedingte Krankheiten gehen zurück. Auf diese Weise wird das Altern gebremst. Man weiß heute, dass eine geringere Nahrungsaufnahme die Lebensspanne vieler Tiere erheblich verlängert. Beim Menschen ist das noch nicht bewiesen, obwohl einiges dafür spricht.

Rapamycin könnte also einen ähnlichen Effekt haben wie ein asketischer Lebensstil – aber ohne dass man sich kasteien muss. Essen ohne Reue! In die gleiche Richtung gehen auch Überlegungen zu Resveratrol, einem in Rotwein enthaltenen möglichen Anti-Aging-Wirkstoff.

Der Haken an der Sache: Rapamycin schwächt das Immunsystem, ein Einsatz lediglich zum Vorbeugen von Alterungsvorgängen ist daher zu riskant. Aber vielleicht wird es gelingen, einen ähnlichen, besser verträglichen Wirkstoff zu konstruieren. Bis wir uns Lebenszeit in Pillenform kaufen können, empfiehlt sich die Grundregel für gesundes Altern: viel Bewegung für Körper und Geist, dazu eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Obst und Gemüse.

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