Kolumne: Dr. Wewetzer : Massieren geht über Studieren

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Kreuzschmerzen weggeknetet

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Massagen gelten als „alternative“ Heilmethode. Aber so alternativ sind sie gar nicht mehr, wie eine neue Studie aus den USA belegt. Daniel Cherkin vom Group Health Research Institute in Seattle und seine Mitarbeiter untersuchten, wie gut Massagen bei chronischen Kreuzschmerzen wirken. Es stellte sich heraus, dass das Durchkneten die Beschwerden auf Monate deutlich besserte und die Genesung beschleunigte.

Die Wissenschaftler unterteilten die 400 Versuchsteilnehmer – jeder von ihnen hatte bereits seit wenigstens drei Monaten Kreuzschmerzen – in drei Gruppen. Die erste bekam eine reine Entspannungsmassage, die zweite eine „strukturierte“, etwas eingreifendere Massage, und die dritte die übliche Behandlung, etwa Schmerzmittel, aber keine Massage. Massiert wurde wöchentlich eine Stunde, über einen Zeitraum von zehn Wochen.

Nach dieser Zeit fühlten sich die Massierten schon deutlich besser, wobei die Form der Massage keinen Unterschied machte. Noch nach einem halben Jahr war der Effekt geringfügig nachweisbar und erst nach einem Jahr weitgehend geschwunden. Hartnäckige Kreuzschmerzen sind also durchaus ein Grund, um eine Massage zu erwägen. Warum die hilft, ist unklar. Vielleicht wird das Bindegewebe und die Muskulatur angeregt, vielleicht registriert das Gehirn einen angenehmen Reiz und dimmt den Schmerz herunter. Auch die persönliche Erwartung des Gepeinigten und das Ambiente mögen eine nicht unerhebliche Rolle spielen und das Ergebnis der Studie zugunsten der Massage verzerrt haben. Endlich jemand, der zupackt, der einem hilft, da fühlt man sich gleich besser.

Bereits frühere Untersuchungen fanden Anhaltspunkte dafür, dass chronische Rückenschmerzen mit Massage gemildert werden können. Allerdings sollte man selbst in Bewegung bleiben, damit es mit der Heilung vorangeht, und nicht nur den heilenden Händen des Masseurs vertrauen. Passivität schadet eher.

Akute Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch. Zum Glück verschwinden sie häufig nach ein paar Tagen wieder. 80 bis 90 Prozent aller Rückenschmerzen klingen innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder ab, mit oder ohne Behandlung, berichtet die Bertelsmann-Stiftung. Auch bei akuten Beschwerden gilt: Wenn möglich viel bewegen und nicht warten, bis der letzte Rest des Kreuzleidens verschwunden ist. Lassen Sie sich vom Zwicken im Rücken nicht unterkriegen! Bettruhe ist meist unnötig, kann sogar die Erholung verzögern. Schmerzmittel wie Paracetamol und Ibuprofen können dagegen vorübergehend die Beschwerden lindern. Wird’s überhaupt nicht besser, sollte man nach drei Tagen zum Arzt gehen.

Wer vorbeugen möchte, sollte sein Übergewicht verringern, sich regelmäßig bewegen (etwa Spazierengehen oder Schwimmen), die Rückenmuskulatur trainieren und versuchen, Stress und übermäßige psychische Belastung abzubauen. Ein bisschen Seelenmassage kann helfen, so manche körperliche Verspannung zu verhüten.

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