Kolumne: Dr. Wewetzer : Schau dir in den Mund

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Gesünder dank intaktem Zahnfleisch

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es gibt viele gute Gründe dafür, seine Zähne in Ordnung zu halten. In den letzten Jahren ist noch ein ziemlich gewichtiger hinzugekommen. Immer mehr stellt sich heraus, dass innere Krankheiten mit gesundheitlichen Problemen in der Mundhöhle zusammenhängen. Ein Beispiel dafür ist die Zahnfleischentzündung, die Parodontitis, mit der ziemlich viele Leute zu kämpfen haben. Immerhin vier bis acht Prozent der Erwachsenen haben eine schwere Parodontitis, unter den Älteren ist es gar jeder fünfte bis siebte.

Typische Anzeichen sind gerötetes und geschwollenes, manchmal sogar blutendes Zahnfleisch. Bei der Parodontitis gelingt es Bakterien, sich hinter dem schützenden Saum des Zahnfleisches einzunisten – das eigentlich kein „Fleisch“, sondern eine dünne Schleimhaut ist. Die Folge ist eine chronische Entzündung, hervorgerufen durch den permanenten Grabenkampf zwischen Mikroorganismen und Körperabwehr.

Wenn es gelingt, diesen Schwelbrand im Zahnfleisch auszutreten, dann kann das andere gesundheitliche Probleme günstig beeinflussen. Vor allem Zuckerkranke haben häufig eine Parodontitis. Die Zuckerkrankheit (Diabetes) und die Parodontitis fördern sich offenbar gegenseitig. Ein schlecht behandelter Diabetes mit hohen Blutzuckerwerten verschlimmert die Zahnfleischentzündung. Umgekehrt senkt es den Blutzucker bei Diabetikern, wenn eine Parodontitis erfolgreich behandelt wird.

Gefäßkrankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall werden durch entzündetes Zahnfleisch verschlimmert. Vielleicht liegt das daran, dass auch bei der Verengung und Verkalkung von Blutgefäßen Entzündungsvorgänge eine Rolle spielen, die Parodontitis könnte sie also anheizen. Es gibt Hinweise, dass die Blutgefäße wieder durchlässiger werden, wenn das Zahnfleisch saniert wird. Allerdings spielen die „klassischen“ Risikofaktoren wie Rauchen, hoher Blutdruck und erhöhte Blutfette eine bei Weitem größere Rolle. Es wäre also zum jetzigen Zeitpunkt übertrieben zu sagen, dass gesundes Zahnfleisch dem Herzinfarkt vorbeugt.

Selbst rheumatische Leiden lassen sich zurückdrängen, wenn eine Parodontitis kuriert wird. Das belegt eine vor kurzem erschienene Untersuchung amerikanischer Ärzte. Die Mediziner behandelten Patienten mit Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis), die zugleich Zahnfleischprobleme hatten. Wurde neben dem Rheuma auch die Parodontitis angegangen, dann besserte das zusätzlich die rheumatischen Beschwerden.

Am besten, man lässt es gar nicht erst zur Parodontitis kommen oder hält sie zumindest im Zaum. Dazu sollte man sich zweimal täglich die Zähne putzen und auch die Räume zwischen den Zähnen reinigen, entweder mit Interdentalbürsten oder Zahnseide. Einmal im Jahr sollte man den Zahnarzt zur Kontrolle aufsuchen, zweimal jährlich empfiehlt sich eine professionelle Zahnreinigung. Nicht zu vergessen die „natürlichen“ Zahnbürsten in Form von frischem Obst und Gemüse, etwa Mohrrüben, Gurken und Äpfel. Wohl bekomm’s.

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