Kolumne: Dr. WEWETZER : Schlaflos in Seattle

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Die Rettung der Nierenkranken

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Schicksal seines Patienten verfolgte Belding Scribner, Nierenspezialist an der Universität von Washington in Seattle. Die Nieren des Kranken hatten dauerhaft versagt, und das war in den 1950er Jahren ein Todesurteil. Zwar hatte sich der Patient nach einer Blutwäsche kurzzeitig erholt, war dann aber gestorben, weil man die umständliche Prozedur nicht wiederholen konnte. Scribner ließ das keine Ruhe. „Ich wachte buchstäblich mitten in der Nacht auf – und hatte schlagartig eine Idee, wie wir das Leben dieser Menschen retten konnten“, erinnerte Scribner sich.

Die Nieren sind die „Kläranlage“ des Organismus. Fallen sie endgültig aus, wird der Körper mit Abbauprodukten des Stoffwechsels überschwemmt und vergiftet. Einziges Gegenmittel: Die Blutwäsche (Dialyse). Sie erforderte zu Scibners Zeit eine schmerzhafte Operation.

Das Blut wurde über Glasröhrchen in den Gefäßen in die künstliche Niere umgeleitet, nach der Prozedur wurden die Röhrchen entfernt. Nach fünf bis sieben Eingriffen waren die Blutgefäße unbrauchbar, der Patient verloren. Scribners nächtliche Idee: um eine dauerhafte Versorgung mit der Blutwäsche zu gewährleisten, schuf er eine ständige Verbindung zwischen Arterie und Vene, „Shunt“ genannt. Dieses auf den Unterarm montierte Röhrchen garantierte den Blutfluss und war aus Teflon, letzter Schrei der Materialforschung.

Vor gut 50 Jahren, am 9. März 1960, schlug Scribners Stunde. Clyde Shields, 39-jähriger Boeing-Ingenieur, dreifacher Familienvater und unheilbar nierenkrank, hatte das Bewusstsein verloren. Der Tod stand vor der Tür. Aber Scribner schickte ihn wieder weg. Er setzte Shields als erstem Patienten einen Shunt ein. Shields erwachte und lebte noch elf Jahre mit der Dialyse. „Über Nacht war etwas, das zu 100 Prozent tödlich war, zu 90 Prozent behandelbar geworden“, kommentierte Scribner.

„Die Dialyse hat sich völlig durchgesetzt“, sagt der Charité-Nierenspezialist Ulrich Frei. Und erinnert sich an seine Zeit als Medizinstudent vor 40 Jahren, als er noch „Visite mit dem Schraubenzieher“ machte, um das Dialyse-Gerät zu warten. Damals mussten die Patienten jede Woche für 30 Stunden „an die Maschine“. Heute sind es noch zwölf. In Deutschland sind 70 000 Patienten auf die Blutwäsche angewiesen. Die meisten, weil ihre Nieren wegen Zuckerkrankheit oder Bluthochdruck versagten. Weitere 25 000 leben mit Spenderniere.

Scribners Erfolg ist nicht denkbar ohne Willem Kolff. Der Niederländer erfand die Dialyse-Maschine und setzte sie 1943 erstmals ein. Auf Scribner folgte James Cimino, ein New Yorker Gefäßchirurg. Er verlegte den Shunt in den Arm, indem er Arterie und Vene direkt verknüpfte. Das war der endgültige Durchbruch.

Millionen verdanken Kolff, Scribner und Cimino ihr Leben. Den Nobelpreis bekamen sie trotzdem nicht. James Cimino ist weitgehend vergessen und hat noch nicht einmal einen Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia. Nicht immer geht die Menschheit gut mit denen um, die ihr Gutes taten.

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