Kolumne: Dr. Wewetzer : Schneller laufen, länger leben

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie Bewegung die Lebensuhr verlangsamt

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wer sich bewegt, läuft dem Alter davon. Das Risiko chronischer Krankheiten wird gesenkt, die Lebenserwartung steigt. Kanadische Forscher haben nun eine mögliche Ursache für diesen Zusammenhang gefunden. Vielleicht sind es die Mitochondrien, die „Kraftwerke“ der Zelle, die vom Sport besonders profitieren und deren Altern sich verlangsamt.

Mitochondrien gelten als Dreh- und Angelpunkt bei Alterungsprozessen. Sie spielen eine zentrale Rolle im Stoffwechsel der Zelle. Die bohnenförmigen Gebilde stammen von Bakterien ab, die vor Urzeiten in die Zellen eingewandert sind, einen Teil ihres Erbguts behalten haben und noch immer ein gewisses Eigenleben führen. Dafür, dass die Zelle ihnen Asyl gewährt, produzieren sie unentwegt ATP, die wichtigste Energie der Zelle. Herzmuskelzellen, die Höchstleistungen vollbringen und einen hohen Energieverbrauch haben, können Tausende von Mitochondrien enthalten.

Aber der Zahn der Zeit nagt auch an den Mitochondrien, und das fast im Buchstabensinn. Schuld daran sind aggressive Sauerstoffverbindungen, wie sie im „Alltagsbetrieb“ der biologischen Kraftwerke anfallen, gewissermaßen die dunkle Seite des lebenswichtigen Sauerstoffs. Die feinen Membrane der Mitochondrien werden durch diese „Spaltprodukte“ beschädigt und in der Erbsubstanz häufen sich Mutationen an. Die Mitochondrien reparieren und erneuern sich nicht mehr, Folge ist eine Art Energiekrise in der Zelle und letztlich das Altern von Gewebe und Organen.

Mark Tarnopolsky von der McMaster-Universität in Hamilton stellte sich die Frage, wie man dieses Geschehen verlangsamen kann. Er experimentierte mit genetisch veränderten Mäusen, denen es an einem wichtigen Reparaturmechanismus in den Mitochondrien mangelt. Die Tiere altern daher im Zeitraffer. Früh ergraut ihr Fell, verkümmern die Muskeln, schrumpft das Gehirn, erschlaffen die Herzkammern.

Tarnopolsky ließ die eine Gruppe der Mäuse rasch in Trägheit vergreisen, während er einer zweiten erlaubte, mehrmals in der Woche im Laufrad zu trainieren. Nach acht Monaten waren die Renn-Mäuse, Gendefekt hin oder her, noch fit und jugendlich, mit vollem Fell, prallen Muskeln und kräftigem Herz. Ihre untätigen Artgenossen kümmerten dahin und waren nach einem Jahr allesamt tot, die mobilen Mäuse putzmunter.

Als die Forscher die sportlichen Tiere untersuchten, stellte sich heraus, dass diese unter anderem ein Eiweiß gebildet hatten, das für die Energieproduktion in den Mitochondrien wichtig ist. Zudem waren sie imstande, havarierte Zellkraftwerke wiederherzustellen – jenseits des herkömmlichen Wegs, der durch den Gendefekt blockiert war.

„Viele glauben, am Ende unserer Forschung wird eine Pille stehen“, sagt Tarnopolsky. „Aber wir haben gezeigt, dass es für Sport keinen Ersatz gibt.“ „Das Rezept für gesundes Altern ist ganz einfach, es lautet: Bewegung“, sagt seine Kollegin Jacqueline Bourgeois. Schön, dass es nun Frühling wird.

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