Kolumne: Dr. Wewetzer : Schrumpfkur für den Tumor

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Prostatakrebs vorbeugen kann.

Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut Wewetzer -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es wäre anmaßend, die Evolution zu kritisieren. Aber was die Prostata angeht, die männliche Vorsteherdrüse, da hätte man manches besser machen können. Die kastaniengroße Drüse sitzt unter der Blase und umschließt die Harnröhre. Ihr „Nutzen“ hält sich in Grenzen. Die Drüse sondert ein Sekret in die Samenflüssigkeit ab, das die Spermien beweglicher und überlebensfähiger machen soll. Dafür bereitet sie Männern in der zweiten Lebenshälfte eine ganze Menge Ärger. Sie wuchert, erschwert damit das Wasserlassen und wird zum Ausgangspunkt für Krebs. Mittlerweile gibt es immerhin Medikamente, die offenbar nicht nur das gutartige, sondern auch das bösartige Wachstum der Prostata zumindest einschränken können.

Die Prostata gehört zu den Geschlechtsdrüsen. Um zu wuchern, benötigt sie das männliche Geschlechtshormon Testosteron. Spezielle Wirkstoffe blockieren Testosteron, indem sie dessen Weiterverarbeitung in der Prostata hemmen. Das funktioniert ziemlich erfolgreich bei gutartigem Wachstum der Drüse. Sie schrumpft wieder, die quälenden Symptome gehen zurück. Die Wirkstoffe mit Namen Finasterid und Dutasterid können aber auch Prostatakrebs bei Männern mit erhöhtem Risiko vorbeugen und diese Gefahr um rund ein Viertel senken. Vor kurzem etwa erschien eine Studie, in der Dutasterid bei Männern getestet wurde, die einen verdächtig hohen PSA-Wert hatten. Ein positiver PSA-Test kann auf Prostatakrebs hindeuten.

Nahmen diese Männer Dutasterid ein, wurde bei ihnen in den nächsten vier Jahren die Diagnose Prostatakrebs um knapp ein Viertel seltener gestellt als bei Männern, die in dieser Zeit nur ein Scheinmedikament eingenommen hatten. „Die wahrscheinlichste Erklärung für dieses Ergebnis ist, dass Dutasterid Tumoren klein hält oder sogar so stark schrumpft. dass sie bei einer Gewebeentnahme nicht mehr entdeckt werden“, sagt der Studienleiter Gerald Andriole von der Washington University in St. Louis. Für ihn ist klar, dass Dutasterid vielen Männern unnötige Operationen und Bestrahlungen ersparen kann.

Aber nicht alle Experten sind dieser Ansicht. Der Urologe Patrick Walsh von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore wittert vor allem kommerzielle Interessen der Pillenhersteller und glaubt, dass die Wirkstoffe lediglich jene Tumoren am Wachsen hindern, die den Patienten ohnehin kaum gefährlich geworden wären. Mehr noch: Weil Finasterid und Dutasterid den PSA-Wert drastisch senken, könnten sich Patienten in falscher Sicherheit wiegen. In der Tat ist bis heute nicht belegt, dass die Behandlung den Männern einen Überlebensvorteil verschafft.

Noch ist also das letzte Wort über eine medikamentöse Prostatakrebsvorbeugung nicht gesprochen, auch wenn amerikanische Fachgesellschaften sie bereits empfehlen. Zugelassen sind die Wirkstoffe bislang ohnehin nur für die Behandlung der gutartigen Prostatawucherung. Der mögliche Schutzeffekt vor Krebs ist da eher eine Art Nebenwirkung. Wenn auch eine angenehme.


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