Kolumne: Dr. WEWETZER : Streit um Krebsviren

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie die HPV-Impfung schützt.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine Impfung ist ein Wechsel auf die Zukunft. Man nimmt sie in Kauf, um vor Krankheiten geschützt zu sein, die auf einen zukommen können. Im Moment ist natürlich der ersehnte Impfstoff gegen die Schweinegrippe das Thema. Aber mindestens ebenso bemerkenswert ist die Impfung gegen Krebs. Sie ist gegen das Humane Papillomavirus HPV gerichtet, das Gebärmutterhalskrebs hervorruft. Eine Reihe von Studien hat eindrucksvoll belegen können, dass die Impfstoffe „Cervarix“ und „Gardasil“ gegen die gefährlichsten Papillomaviren schützen und das Risiko von Krebsvorstufen deutlich verringern.

Das bestätigen auch die vor kurzem veröffentlichten abschließenden Ergebnisse der „Patricia“-Studie, in der der Impfstoff „Cervarix“ des Herstellers GSK bei rund 15 000 Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 25 erprobt wurde. Es zeigte sich, dass Cervarix zu fast 100 Prozent gegen eine Infektion mit den HPV-Typen 16 und 18 schützt. Diese beiden Virustypen stecken hinter sieben von zehn Fällen von Gebärmutterhalskrebs. Zusätzlich wirkte der Impfstoff gegen eine Reihe weiterer gefährlicher HPV-Typen. Eine Art angenehmer Nebeneffekt, der den Krebsschutz im günstigsten Fall auf bis zu 85 Prozent hochschrauben kann.

Trotzdem zieht eine kleine, aber lautstarke Gruppe von Kritikern in Deutschland mit einem „Manifest“ gegen die HPV-Impfung zu Felde. Von ihren Argumenten ist eigentlich nur eines von substanzieller Bedeutung. Völlig zu Recht heben die Impfskeptiker hervor, dass bislang nicht bewiesen sei, dass die Impfung vor Krebs schützt. Gezeigt wurde nur ein Schutz gegen Krebsvorstufen. Es dauert zehn bis 20 Jahre, bis sich aus einer Infektion mit HPV im ungünstigsten Fall Krebs entwickelt. Bis zu diesem endgültigen Beweis hat man nicht gewartet. Verständlicherweise.

Man stelle sich vor: In einem Haus brennt ein Zimmer. Doch die Feuerwehr weigert sich, auszurücken. Schließlich sei ja nicht gesagt, dass der Brand auf das ganze Haus übergreife. An dieses Argument erinnert mich der Einwand der Kritiker. Denn der „echte“ Krebs entsteht stets aus krebsartigen Vorstufen, die auch für sich schon ein gewichtiges Problem darstellen und die durch die Impfung größtenteils verhütet werden. Wer die Vorstufen verhindert, verhindert auch den Krebs.

Eine andere Frage ist, ob sich auch junge Männer impfen lassen sollten. Harald zur Hausen, der Entdecker der Krebsviren und deutsche Medizin-Nobelpreisträger, ist dieser Meinung. Er hat zwei Argumente. Wer als Mann geimpft ist, ist damit in gewissem Maße gegen Anal- und Peniskrebs und gegen Mund- und Rachentumoren geschützt. Außerdem wäre die Impfung beider Geschlechter ein großer Schritt, um HPV auszurotten. Der Mann sei der Frau das schuldig, trage diese doch die Last der Verhütung bereits fast allein. Ich finde das einen interessanten Gedanken. Allerdings ist der Impfstoff viel zu teuer, um ihn umzusetzen. Das sagen nicht nur die Kritiker, sondern auch zur Hausen selbst.

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