Kolumne: Dr. Wewetzer : Vampir beißt Grippevirus

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Eine Universalwaffe gegen die Influenza

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Manchmal bekommen Neuigkeiten erst im Nachhinein die Bedeutung, die ihnen zukommt. Vor einigen Wochen erschien in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Nature Structural & Molecular Biology eine Studie, in der über eine neue Grippebehandlung berichtet wurde. Eine Behandlung, die eines Tages die Grippebekämpfung revolutionieren könnte. Denn das potenzielle Medikament ist eine Universalwaffe gegen die meisten Grippeviren, die uns zu schaffen machen. Und damit ein Hoffnungsschimmer in den Zeiten der Schweinegrippe vom Typ H1N1. Auch die Tür zu einem breit wirksamen Impfstoff haben die Forscher aufgestoßen.

Grippe- oder Influenzaviren können sich rasch wandeln. So schlagen sie der Körperabwehr ein Schnippchen, die sich daher stets von Neuem wappnen muss. Auch der saisonale Influenza-Impfstoff muss auf die gerade im Umlauf befindlichen Viren abgestellt werden.

Wayne Marasco von der Harvard Medical School in Boston und sein Team begaben sich auf die Suche nach einem Abwehrstoff gegen die Grippeviren, genauer: nach einem menschlichen Antikörper. Das sind spezielle Eiweißmoleküle, die darauf ausgerichtet sind, ein ganz bestimmtes Molekül zu attackieren – etwa ein bestimmtes Protein auf der Oberfläche eines Krankheitserregers. Antikörper sind also präzise biologische Lenkwaffen.

Marasco durchforstete eine biologische Bücherei nach einem passenden Antikörper – und wurde unter 27 Milliarden verschiedenen Antikörper-Spielarten fündig. Er entdeckte eine kleine Familie hochwirksamer Antikörper, die ein breites Spektrum von Influenzaviren ausschalten können. Darunter der Vogelgrippe-Erreger H5N1, saisonale Grippeviren und die Viren früherer Pandemien wie den der spanischen Grippe, ein H1N1-Virus wie der Verursacher der aktuellen Schweinegrippe. Dieser jüngste Spross aus der Influenza-Familie wurde natürlich noch nicht getestet. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Antikörper auch ihn ausschaltet.

Der Clou an dem Antikörper: er heftet sich wie ein Vampir an den „Hals“ einen lutscherförmigen Viruseiweißes namens Hämagglutinin (das „H“ in H1N1). Das Hämagglutinin hat die Aufgabe, die Erbinformation des Virus in die Wirtszelle einzuschleusen. Während sich der dicke, rundliche „Kopf“ des Hämagglutinins häufig ändert, um dem Immunsystem zu entrinnen, ist der schmale „Hals“ wenig veränderbar und deshalb das ideale Angriffsobjekt für einen Antikörper. So „entwaffnet“ der Antikörper das Virus.

Tests an Zellkulturen und Mäusen verliefen erfolgreich. Noch Tage nach einer Infektion mit Grippeviren erwiesen sich die Antikörper als wirksam. Im Gegensatz dazu muss das Grippemittel Tamiflu innerhalb von ein bis zwei Tagen nach einer Infektion gegeben werden. Allerdings wird es noch dauern, bis ein fertiges Medikament auf der Basis eines Antikörpers verfügbar sein wird. Aber vielleicht beschleunigt ja die Grippegefahr die Entwicklung des „Vampir-Antikörpers“.

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