Kolumne: Dr. Wewetzer : Vorschnelle Entspannung

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man den Höhepunkt hinauszögert

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wohl jeder Mann hat schon einmal einen vorzeitigen Samenerguss erlebt. Ein abruptes Ende beim Sex gerade dann, wenn’s am schönsten ist. Aber es gibt auch Männer, die mehr oder weniger ständig von diesem Problem geplagt werden. Sie bekommen ihren Samenerguss bereits nach weniger als einer Minute Geschlechtsverkehr oder sogar schon davor. Nicht selten führt dieses frustrierende Erlebnis dazu, dass die Nervosität beim nächsten Mal umso größer ist und die Sache wieder schief läuft.

Am häufigsten sind junge Männer betroffen. Besonders dann, wenn sie in einer noch frischen Partnerschaft leben, bei der der Reiz des Neuen und das kribblige Gefühl des Verliebtseins zur Übererregung führen. Man könnte versucht sein, hier eine List der Evolution zu wittern. Schließlich ist der Sex biologisch gesehen nicht dazu da, uns Spaß zu verschaffen. Die Lust ist nur das Lockmittel, am Ende steht der Zweck, die Vermehrung. Wenn ein Mann besonders rasch zum Höhepunkt kommt, dann könnte das ein Indiz dafür sein, dass die Natur in diesen Fällen auf Nummer sicher geht. Nach dem Motto: Hauptsache Befruchtung. Je schneller, desto besser. Aber zugegeben, das ist nur Spekulation.

Ein vorzeitiger Orgasmus hat mit sexuellem Leistungsdruck und der Angst vor Versagen zu tun, vermutet Wolfgang Hardt. „Zwei von drei Männern mit dieser Störung haben psychische Probleme“, sagt der Leiter des Schwerpunktes Männergesundheit am Vivantes-Klinikum Berlin-Spandau. Körper und Geist sind beim Sex eng verbunden. Vielen Männern hilft es, über ihr Problem mit dem Partner oder dem Arzt offen zu sprechen. Das ist ein erster wichtiger Schritt.

An Möglichkeiten, den Samenerguss hinauszuzögern, mangelt es nicht – aber nicht alles hilft bei jedem. Da sind etwa Entspannungstechniken wie die „StoppStart-Technik“, bei der während des Sex Entspannungsphasen eingelegt werden. Bei der „Squeeze-Technik“ kann der Orgasmus durch Druck auf das Vorhautbändchen unter der Eichel „blockiert“ werden. Eine andere Möglichkeit ist, vor dem Sex zu masturbieren.

Und dann sind da Hilfsmittel wie das Kondom. Es dämpft die Überempfindlichkeit des Penis ebenso wie ein Gel, das ein Betäubungsmittel für die Haut enthält. Inzwischen wird auch ein Spray erprobt, der einfacher als das Gel anzuwenden sein soll und der auf die Eichel gesprüht wird.

Nach einer Studie, die nun bei einer Konferenz der amerikanischen Urologen vorgestellt wurde, verlängert der Spray mit dem Kürzel PSD502 die Zeit bis zum Orgasmus von durchschnittlich 36 Sekunden auf vier Minuten. Und schließlich können als letzte Möglichkeit auch Medikamente helfen, den Höhepunkt hinauszuzögern, etwa bestimmte Psychopharmaka gegen Depressionen. Aber meist sind sie nicht erforderlich.

Mit den Jahren wird der vorzeitige Samenerguss seltener, auch eine stabile Partnerschaft kann die Störung abklingen lassen. Die Gelassenheit des Alters hat eben ihre Vorzüge.

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