Kolumne: Dr. Wewetzer : Warnzeichen im Blut

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Test revolutioniert die Infarkterkennung.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

An die 15 Millionen Menschen kommen jedes Jahr in den USA und Europa wegen des Verdachts auf Herzinfarkt in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Oft haben sie Schmerzen im Bereich des Brustkorbs, typisch ist ein Druckgefühl unter dem Brustbein. Nicht immer ist es einfach, zu entscheiden, wie groß die Gefahr wirklich ist, ob es sich nur um eher belanglose Beschwerden handelt oder ob ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß zu verschließen droht, also ein Infarkt droht.

Neben der Beurteilung der Beschwerden sind zwei Untersuchungen in dieser Phase entscheidend. Zum einen die Aufzeichnung der Herzstromkurve (EKG) und zum anderen Bluttests, vor allem der Nachweis von Troponin. Beim Troponin handelt es sich um ein Eiweiß aus dem Herzmuskel. Es wird ins Blut geschwemmt, wenn der Herzmuskel abstirbt – etwa wegen eines Infarkts.

Seit zehn Jahren ist der Troponin-Nachweis im Blut internationaler Standard. Entwickelt wurde er von dem deutschen Herzspezialisten Hugo Katus von der Uniklinik Heidelberg, der vor drei Jahrzehnten erstmals versuchte, das Protein mit Bluttests nachzuweisen. Katus leitete damit eine kleine Revolution in der Herzmedizin ein, der so mancher sein Leben verdanken dürfte. „Zeit ist Herzgewebe“, sagt der Kardiologe Carsten Tschöpe von der Berliner Charité. „Der Troponin-Test hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute das Absterben von Herzgewebe schneller und besser bekämpfen können.“

Etwa drei Stunden nach Einsetzen der Schmerzen lässt sich das Troponin in der Regel im Blut nachweisen. Der Test erleichtert es, jene Risikopatienten herauszufinden, die sofort oder innerhalb der nächsten Stunden wegen eines drohenden Herzinfarktes, dem Koronarsyndrom, behandelt werden müssen. „Wir können mit seiner Hilfe dem Infarkt mitunter zuvorkommen“, sagt der Herzspezialist Tschöpe.

Nun hat ein internationales Ärzteteam unter Leitung deutscher und Schweizer Ärzte eine neue Generation von Troponin-Tests geprüft, die noch genauer und empfindlicher sind. Sie schlagen bei einem Infarkt also rascher Alarm als der herkömmliche Nachweis und haben dabei eine höhere Trefferquote.

Einen Herzinfarkt erkannten die Tests in rund 95 Prozent der Fälle, und die Forscher hoffen, wie sie im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ berichten, zudem auf eine schnellere Infarktdiagnose. Außerdem schließt ein normaler, nicht erhöhter Troponin-Messwert eine „echte“ Herzattacke zu 97 bis 99 Prozent aus. Damit werden überflüssige medizinische Maßnahmen verhindert.

Kleiner Wermutstropfen: Weil die Tests so empfindlich sind, gibt es manchmal blinden Alarm. Etwa bei Nierenschwäche, bei Herzstolpern oder einer Herzmuskelentzündung. Deshalb darf man sich nie allein auf das Troponin verlassen. Er ist nur eines von mehreren Indizien für einen Herzinfarkt, kein Beweis. Doch mit der neuen Generation von Tests stehen die Chancen noch besser, dem Killer ein Schnippchen zu schlagen.

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