Kolumne : Einfach abhaken

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Bürokratie, die Leben rettet.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Manchmal sind es nicht ein neues Krebsmedikament, ein revolutionärer Herzschrittmacher oder eine riskante Schädeloperation, die das Leben eines Patienten retten. Sondern Bürokratie.

Die Rede ist von einer einfachen, aber wirksamen Checkliste für den Operationssaal. Sie kann unter anderem verhindern, dass die falsche Körperhälfte oder das falsche Organ operiert werden und enthält 19 Einzelpunkte. Von denen sind die ersten bereits anzukreuzen, bevor der Patient in den Narkoseschlaf fällt. Kann er bestätigen, dass er die Person ist, an der der Eingriff vorgenommen werden soll? Ist die zu operierende Region mit wasserfestem Filzstift markiert? Steht Blut für den Notfall bereit?

Vor dem ersten Hautschnitt soll das Team im OP noch einmal eine Auszeit nehmen. Innehalten, sich vergewissern. Alle stellen sich namentlich vor, besprechen kurz die wichtigen Punkte. Und bevor der Patient den Saal wieder verlässt, wird noch einmal akribisch kontrolliert. Etwa, ob nicht doch ein Tupfer oder eine Klemme im Bauch vergessen wurde.

Vor allem die „Auszeit“ wird hartgesottenen und erfahrenen Operateuren kindisch erscheinen. Aber der Erfolg gibt dem Chirurgen Atul Gawande von der Harvard-Universität in Boston recht. Gawande hat die Checkliste auf der Basis von Informationen der Weltgesundheitsorganisation entwickelt und weltweit in acht Städten getestet.

Das Ergebnis, veröffentlicht online im Fachblatt „New England Journal of Medicine“: Nachdem die Checkliste in den chirurgischen Abteilungen eingeführt worden war, sank die Rate der Todesfälle von 1,5 Prozent auf 0,8 Prozent. Die Komplikationsrate fiel von elf auf sieben Prozent. Wenn man sich vor Augen hält, dass weltweit jedes Jahr 234 Millionen Menschen operiert werden, kann man ermessen, welche Bedeutung so eine simple Liste zum Abhaken haben kann.

Einige Krankenhäuser, die die Checkliste in der Studie testeten, haben sie bereits in ihre normale Patientenversorgung eingeführt. Auch der Berliner Ärztekammerpräsident Günter Jonitz, selbst Chirurg, befürwortet die Checkliste. „Wir haben an Berliner Krankenhäusern vor kurzem ähnliche Listen verteilt, einige wenden sie bereits an“, sagt er. Erfahrung und Intuition bleiben wichtig, aber sie werden ergänzt. Die Chirurgie an sich ist kompliziert genug – umso ärgerlicher, wenn eine vermeidbare Schlamperei den Erfolg gefährdet.

Am weitesten in Berlin sind die DRK-Kliniken, an denen der Unfallchirurg Falk Reuther eine Kontrollliste einführte und seine Kollegen überzeugte, sie in die tägliche Routine zu übernehmen. „Die Sicherheit für den Patienten ist gestiegen, weil das Bewusstsein geschärft wurde“, sagt Reuther. Und ist selbstbewusst genug zuzugeben, selbst auch schon einmal gepatzt zu haben. „In jungen Jahren habe ich bei einem Leistenbruch auf der falschen Seite betäubt – zum Glück entdeckten wir es vor der eigentlichen Operation.“ Checklisten können diesem Glück künftig auf die Sprünge helfen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben