Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Achtung: Lasagne unter Pferdacht!

Ein zugegebenermaßen dämliches Facebook-Fettnäpfchen: Per Statusmeldung öffentlich und ungehalten mit 14 Fragezeichen fragen, warum Facebook bitte immer diese groteske Werbung auf der Seite veröffentlicht.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Die behauptet, dass jemand acht Kilo Bauchfett (!!) in einer Woche „mit einem einfachen Trick“ verloren habe, der hauptsächlich mit Zitronensaft zu tun hat. Und dann in einem diskreten Antwort-Post darauf hingewiesen werden, dass es sich bei ebenjenen Anzeigen um personalisierte Werbung handelt, die sich an den eigenen Suchbegriffen im Internet orientiert.

Nun heißt es schnelles Löschen seiner Beschwerde, Verzicht auf unglaubwürdige Rechtfertigungen („Meine Mutter ist halt öfter mal an meinem Rechner...“) und rasches und möglichst kreatives Eingliedern in die Pferdefleisch-Wortspiel-Offensive mit Posts wie „Da ist Schimmel im Essen“ oder „Wendy Gondeln Trauer tragen“. Ich habe mir für den nächsten Fauxpas ein Wortspiel ausgedacht, bei dem ich mich wundere, dass es Boulevardblätter noch nicht als Überschrift entdeckt haben. „Fleisch: Pferdorben“, oder abgewandelt: „Lasagne unter Pferdacht“.

Obiges Fallbeispiel zeigt nur eine von vielen ungeschickten Möglichkeiten, mit denen man auf unangenehme Weise mit dem eigenen Suchverhalten im Internet konfrontiert werden kann. Viele denken ja, es sei eine prätentiöse Unart, sein Smartphone bei jedem Café- oder Restaurantbesuch fest in der Hand zu behalten und ihm mehr direkte Blickkontakte zu schenken als dem Gegenüber. Was meist als unangenehme Zurschaustellung des eigenen ausgeprägten privaten und beruflichen Beschäftigungsgrads missverstanden wird, ist oft ein reiner Selbstschutz. Denn das vermeintliche Prestigeobjekt kann in Wirklichkeit zur ernsten Bedrohung für das eigene Ansehen werden: In dem Moment nämlich, wenn ein Fremder sich des eigenen Telefons bemächtigt.

In jeder Runde findet sich schließlich ein Late-Adopter, der zwar die Omnipräsenz von iPhones moniert und ständig von seiner eigenen Freiheit und den „Ersatzhirnen“ und „Persönlichkeitsprothesen“ der anderen erzählt, der aber trotzdem irgendwann am Abend völlig unvermittelt die Anweisung erteilt, ihm mal eben das eigene Smartphone rüberzuschieben, weil ihm gerade nicht einfällt, wie dieses Stück von Ibsen da noch mal gerade hieß, und der schon auffordernd die Hand ausgestreckt hat wie eine Supermarktkassiererin bei der ungeduldigen Entgegennahme von Kleingeld.

Der Telefonbesitzer, der zu Beginn des Abends ernst auf das integrierte Diktiergerät und die digitale Schnittfunktion des Geräts verwiesen hat („kein Smartphone zu haben, ist in meiner Branche absolut undenkbar“), kann sich nun nicht schamig abwenden und das Telefon an sein Herz pressen, sondern muss es dem Schnorrer möglichst souverän aushändigen, als hätte er nichts zu verbergen. Dass der Besitzer in diesem Moment den Besitz einer kostenpflichtigen Eierkoch-App offenlegt, geschenkt! Viel schlimmer ist, dass er nicht die Zeit hatte, noch kurz den Verlauf der besuchten Internetseiten zu löschen. Hier kann der nun zu Macht gelangte Late-Adopter sofort die vorherige Google-Suche bestaunen und findet meist Dinge wie: „Verdacht Gürtelrose“, „Wann sieht man Muskeln von Yoga“, „Häufigkeit Hautkrebs unter Fußnagel“.

Der Late-Adopter feixt. Spätestens wenn er hier Blut geleckt und nun mit ein paar Clicks herausgefunden hat, dass man ungefähr 150 Menschen des entfernten Bekanntenkreises mit der „Fatbooth“-Fotobearbeitung hat dick werden lassen und gerade „Zombiebooth“ für sich entdeckt hat. Flucht in Wortspiele hilft hier nun wenig. Außer für einen. „App-zocke“ onkelt der Late-Adopter.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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