Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Bitte nichts vom „Kleinen Prinzen“!

Das Onlinedating wird gegenüber dem üblichen Verfahren des pärchenbildenden Sich-Kennen-Lernens immer noch recht stiefmütterlich behandelt.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Ständig zieht jemand beim Thema Onlinedating einen Zitronenmund und sagt so etwas wie: „Mir würde da einfach die Romantik fehlen.“

So als hätte es mehr Romantik, wenn man nach 34 Bieren auf dem Oktoberfest orientierungslos in die Arme eines anderen sinkt und am nächsten Tag in nüchternem Zustand noch einmal von neuem beginnt, die Schnittmenge auszuloten. Das Argument „Aber das ist doch ein völlig Fremder!“ ist nur unwesentlich besser, denn in der Regel ist jeder, den man kennen lernt, erst mal ein Unbekannter.

Meist sind die Kritiker jene Leute, die selber das Glück hatten, im Supermarkt zufällig nach derselben Aufschnittpackung gegriffen zu haben wie der zukünftige Partner. Oder die sich plötzlich durch Zufall im Fitnesscenter gegenüber saßen und feststellten, dass sie mehr als nur die Liebe zu Adduktorentrainer und Sieben-Achtel-Hose verbindet.

Tatsächlich ist das Onlinedating teils zu Recht verpönt. Denn zehn Minuten nach Erstellung eines eigenen Profils (das ich selbstverständlich nicht habe) weiß man durch mindestens zehn Absender, dass Emoticons nicht nur lächeln oder traurig sein, sondern hüpfen, schamesrot und wütend werden können.

Allerdings bietet ein Onlineprofil eine Möglichkeit, die man im realen Leben nicht hat: Die Pre-Selektion. Allein beim Nickname geht es schon los. Man darf irritiert registrieren, dass jemand sich selber als „TopTyp“ bezeichnet. Man darf zu Recht und gnadenlos alle aussortieren, die beim Lebensmotto ein Zitat aus „Der kleine Prinz“ heranziehen („Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“) oder von Charlie Chaplin („Ein Tag, an dem du nicht gelacht hast, ist ein verlorener Tag.“).

Dennoch muss man das Onlinedating verteidigen. Und all jenen, die behaupten, dass dort jeder mit Superlativen und nostalgischen Weichzeichnerfotos um sich schmeißt, dann aber in natura bucklig und zehn Jahre älter als gedacht im Treffpunkt-Café um die Ecke biegt, folgende Relativierung vor Augen führen: Eine Onlineanzeige ist immer noch bescheidener und besser als die klassischen Kontaktanzeigen in Zeitungen oder Magazinen, bei denen man sich immer fragt, wer diese entrückten Texte schreibt!

Man stellt sich einsame Grafen und Freifrauen vor, die allein und seufzend auf Weingütern („mit Eigenheim“!) sitzen und bei denen Haare nicht braun, sondern „kastanienfarben“ sind, zu findende Partner nicht „nett“, sondern „mit Herzensbildung“ sein sollen. Auch heute kann man in Zeitungen den grotesken Höhepunkt unglaublicher Arroganz und Vermessenheit nachlesen:

„Herzensgut“, „Frau mit wunderschöner Figur“, „Romantischer Dichter und warmherziger Empath“, „mit bildschönem Gesicht“, „tolle Gesprächspartnerin“. Bei solchen Selbstbeschreibungen wird der „TopTyp“ plötzlich zum Tiefstapler. Er hätte sich womöglich gar nicht getraut, sich „perfekte Parkettsicherheit“ zu attestieren, obwohl er sich in der Duisburger Großraumdisco durchaus tadellos im zuckenden Stroboskoplicht bewegt.

Ob womöglich das gleiche gemeint ist, wenn in einer Printanzeige „möchte Lebensfreude teilen“ oder „möchte mich mit Körper, Geist und Seele darauf einlassen“ steht, wohingegen der fiese Chatter einfach nur „Sex?“ fragt und sich wundert, warum keiner mehr antwortet? Die adäquate Reaktion darauf lässt sich mit Worten schwer beschreiben. Wäre man ein Smiley, man würde vermutlich kotzen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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