Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Die Pellicano-Sache

Ein Blick auf meine makellose Bewertungsliste genügt, um sich davon zu überzeugen, dass ich bei Ebay ein beliebter Geschäftspartner bin.

Elena Senft
Foto: Mike Wolff

Ein Blick auf meine makellose Bewertungsliste genügt, um sich davon zu überzeugen, dass ich bei Ebay ein beliebter Geschäftspartner bin. Man nennt mich dort einen „Top Ebayer“, eine Person namens „Katze71“ hat zur Unterstreichung der reibungslosen Kaufabwicklung eine Reihe Emoticons hintereinandergesetzt und ein animiertes hüpfendes Streifenhörnchen sagt: „So macht Ebay Spaß!“ Dahinter grinst ein feister Smiley durch die Gläser einer Sonnenbrille.

Ich wende bei Ebay seit jeher einen ziemlich schäbigen Kniff an, mit dem ich auf Kosten rechtschreibschwacher Menschen an billige Ware komme. So wurde ich zum Besitzer eines Küchen-Buffés und in meinem Schuhschrank stehen ein Paar ungebrauchte, grüne Glattleder-Pömms. Neulich gab ich das Suchwort „Wase“ ein und ersteigerte als einziger Bietender von einem Mitglied namens „Sizilianer“ den „Dachbodenfund bei Oma“ – eine große Blumenvase aus den 50er Jahren für 5 Euro. Feixend überwies ich – wie es als „Top Ebayer“ meine Pflicht ist – sofort das Geld an einen Mann namens Roberto Pellicano in ein winziges hessisches Dorf im Kreis Groß-Gerau.

Die Vase kam nicht. Der Sizilianer ignorierte Beschwerdemails.

Irgendwann googelte ich den Mann. Ich landete auf Ebay-Beschwerdeseiten. Auf seiner Ebay-Bewertungsseite erbrach sich ein Smiley. Der nächste Google-Eintrag führte zur Homepage eines Regionalfußballvereins. Auf der Gruppenaufnahme einer Herrenmannschaft sah ich ein Foto des Betrügers: Er war ein Mann mit quadratischem Körperbau, verschlagenem Ausdruck und knapp sitzendem ballonseidenen Trikot, der meine Vase nicht herausrückte.

Aus Sportsgeist rief ich im Verein an. Ein Mann hob ab. Ich fragte nach Pellicano. Der Mann sagte mit starkem hessischen Akzent: „Roberto kommt seit Wochen nicht zum Training. Wir wissen nicht, wo er ist. Hat er Scheiße gebaut?“

Ich wimmelte den Vereinsmann ab, googelte weiter und stieß auf eine Handynummer. Pellicano verkaufte nämlich im Kreis Groß-Gerau einen Opel und hinterließ seine Nummer. Eine Stimme hob mit einem deutlichen „Pellicano?!“ ab. Ich trug forsch mein Anliegen vor. Der Mann sagte: „Ich bin nicht Roberto, ich bin Giovanni, sein Vater. Was ist mit Roberto?“ Ich sagte, dass ich das nicht wüsste. Ich wüsste lediglich, dass Roberto mir eine Vase der 50er Jahre schulde. Giovanni rief immer wieder drohend, dass er jetzt meine Handynummer habe. Ich legte auf. Mein Handy klingelte mit unterdrückter Nummer. Ich ging mit belegter Stimme ran und nuschelte einen komplizierten falschen Nachnamen mit vielen Konsonanten. Der Trainer des Fußballvereins war am Apparat. Er wolle noch mal über die „Pellicano-Sache“ sprechen. Er sei nun auch mit dem Vater in Kontakt.

Ich sagte, es ginge doch nur um 5 Euro zuzüglich Versandkosten. „Wenn es nur darum gehen würde, würdest du ja wohl nicht im Verein anrufen!“ – „Doch“, sagte ich. „Es geht um den Dachbodenfund seiner Oma.“ Am anderen Ende wurde es sehr still. Dann sagte der Trainer düster: „Roberto hat keine Oma.“

Am nächsten Tag bekam ich eine Mail vom Sizilianer. Er fragte nach meiner Anschrift. Sie sei verloren gegangen. Man wolle mir meine mir zustehende Ware schicken. Das Wort „Ware“ wurde in Anführungszeichen gesetzt. Ich stellte mich tot. Auch bei der zweiten und dritten Mail. Als ich das nächste Mal die Ebay-Seite aufrief, sah ich, dass nur noch 99 Prozent meiner Bewertungen positiv sind. Der Sizilianer schrieb: „Scheiß Ebayer. Antwortet nicht auf Mails.“ Daneben ballt ein Smiley die Faust als Drohung.

Hier schreiben im Wechsel: Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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