Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Endlager für ein TV-Gerät gesucht

Die Fußball-WM war für mich Stress.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Wochenlang habe ich die Tage damit verbracht, Videos mit Fußballkontext im Internet aufzuspüren und diese Freunden und Bekannten irgendwo hinzuposten. Schrieb jemand ein divenhaft-gelangweiltes „Boah, das ist so alt“ unter das Video, in dem Gerhard Delling Günter Netzer in einer Sendepause ein Glas Cola einschenkt und Netzer daraufhin mit einem wütenden „Ich will gar nichts“ reagiert, geriet ich in eine Art Wahn und suchte so lange, bis ich ein auch den letzten Quengelnden zufriedenstellendes Video fand: Das Video, in dem Miroslav Klose keine Lust hat, der ganzen Welt zu verraten, warum er nach einem verwandelten Tor während des Triumphlaufs drei Finger in die Luft reckt und daher auf diese Nachfrage mit einem entwaffnenden „Die wo wissen, wissen warum“ reagiert, ist eine sichere Bank.

Zum Glück hatte ich während der WM-Spiele keinen Stress. Nicht ein einziges Mal kam jemand auf die Idee, man könne ja auch mal bei mir gucken. Ich habe das Glück, über eine derart schlechte Fernsehausstattung zu verfügen, dass die Menschen froh sind, wenn ich anbiete, mit einer Schüssel Buletten oder einigen Tüten Schinken-Peppies zu ihnen zu kommen. Durch das unbeabsichtigte Kappen eines Kabels bin ich auf die Benutzung eines DVBT-Geräts angewiesen. Wenn man die Antenne rechts unter die Kommode fallen lässt, funktioniert RTL, das Zweite kriegt man rein, wenn die Antenne nach vorne in meine Sockenschublade gelegt wird. Fährt ein Auto vorbei, ist das Bild kurz weg.

Wenigstens hat sich die Gerätesituation verbessert; mein kleiner, maroder Fernseher wich einem riesigen Kasten, denn ich darf den alten Fernseher einer Freundin auftragen.

Klar, dass sich nun die Frage stellt: Wohin mit dem alten Gerät? Freunde sagen: „Stell den doch einfach auf die Straße!“ Sie behaupten, in Neukölln mache das doch jeder. Ich traue mich nicht, ein altes Elektrogerät auf die Straße zu stellen, und tarne mich auffällig, indem ich beim spätabendlichen Gassigang mit dem Hund einen alt aussehenden Fernseher unter dem Arm trage. Ich passiere erfolgreich die Frau mit dem Pudel. Als ich meinen Fernseher vor dem Lokal „Zum lustigen Alfons“ abstellen möchte, schnellt der Kopf einer Bardame heraus und ich tue so, als hätte ich das Gerät nur abgestellt, um meine Schuhe zuzubinden. Ich nehme den Fernseher wieder mit nach Hause.

Am nächsten Tag die vermeintliche Rettung: Im Hausflur hat ein Mieter, der im Asozialen-Ranking noch ganz weit unter dem Fernseher- auf-der-Straße-Absteller rangieren müsste, seinen unbrauchbaren Hausrat mit dem Schild „zu verschenken“ abgestellt. Unrat und Möbel aus Birkenfurnier, auf denen alte Sticker kleben. Ein Fiesling, der das illegale Abstellen von Müll als Wohltat verkaufen will. Alle Mieter regen sich auf und keiner will es gewesen sein. Dann mein kurzer Geistesblitz: Ich könnte meinen Fernseher ja vielleicht einfach dazustellen … Dummerweise fällt mir ein, dass der Verdacht sofort auf mich fallen würde. Der Nachbar aus dem dritten Stock hat mir nämlich geholfen, meinen neuen Fernseher in meine Wohnung zu tragen, und ich hatte dabei mein altes, kleines Gerät erwähnt.

Die Mieter würden mich auch für den Rest des Mülls verantwortlich machen und ich müsste womöglich die Jugendgarnitur eines hinter den Gardinen feixenden Fremden zur BSR fahren. Die Mieter würden sich zusammenrotten, an der Tür klingeln und der Nachbar aus dem Dritten würde zur Überführung mit unbewegter Miene sagen: „Wo ist Ihr alter Fernseher?“ Dann gäbe es nur noch einen Ausweg: „Die wo wissen, wissen wo er ist“ würde ich sagen und die Tür schließen.

Hier schreiben abwechselnd Jens Mühling, Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke und Elena Senft.

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