Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Finale mit Heidi und Jünther

Karl Lagerfeld behauptet seit Jahren, er kenne Heidi Klum nicht. Zum Beweis, dass das stimmt, sagt er danach immer, dass Claudia Schiffer sie schließlich auch nicht kennen würde. Und die darauf oft folgende Begründung „Die war nie in Paris, die kennen wir nicht“ ist noch schlüssiger.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Karl Lagerfeld behauptet seit Jahren, er kenne Heidi Klum nicht. Zum Beweis, dass das stimmt, sagt er danach immer, dass Claudia Schiffer sie schließlich auch nicht kennen würde. Und die darauf oft folgende Begründung „Die war nie in Paris, die kennen wir nicht“ ist noch schlüssiger.

Ich hingegen habe das Gefühl, Heidi sehr gut zu kennen. „Germany’s Next Topmodel“ hat wieder ein Finale bestritten. Und wieder habe ich die gesamte Staffel ihrer Model-Casting-Sendung, die bereits in ihrem Namenszusatz „Next“ die Exklusivität und Einzigartigkeit eines Topmodels konterkariert, angesehen. Während Dieter Bohlen von den meisten „Deutschland sucht den Superstar“-Kandidaten – auch im Duz-Stadium – „Dieterbohlen“ genannt wird, ist Heidi für die Teilnehmerinnen, die in der Sendung nur „die Mädchen“ heißen, einfach die Heidi. Denn Heidis Erfolgskonzept war immer, dass sie die Bergisch Gladbacherin von Nebenan geblieben ist, die in Talkshows über das Gemächt ihres Mannes spricht, deren Eltern Günther und Erna heißen und die Karneval abgeht wie ein Zäpfchen.

Heidi rang ihren Kandidatinnen im Laufe dieser Staffel wieder grässliche Opfer ab: Sechzehnjährige geben öffentlich zu, sich jahrelang vor der elterlichen Ahornfurnier-Schrankwand in Unna-Kessebüren mit Heidis permanent angeratenem „Posing vor dem Spiegel“ vorbereitet zu haben. Sie bekommen von der wahnsinnig personalitylosen Jury erst dann eine eigene Personality zugestanden, wenn sie in der Kölner Fußgängerzone fremde Menschen umarmt haben und können am Ende der Sendung so gucken wie die Frau aus der 90er-Jahre-Deo-Werbung für „Axe“, in der die vom Duft des besprühten Mannes wild gewordene Frau wie ein Puma um eine Telefonzelle kreist, in der sich der Mann verschanzt.

Man hört auch sonst viel Schlimmes über die Sendung: dass Gewinnerinnen sich aus Knebelverträgen klagen, dass ehemalige Juroren an zweitklassigen Tanzshows teilnehmen, obwohl sie doch eigentlich tonangebende Mailänder Casting-Directors sind und vor allem dass Günther Klum, der omnipräsente Heidi-Vater mit den verdunkelten Brillengläsern, über alles wacht, was mit Heidi zu tun hat.

Er muss furchtbar sein. Er hat sogar mal einen Arbeitslosen gestellt, der versehentlich mit Heidi für eine Tanzveranstaltung geworben hat, obwohl er gar nicht wusste, wer die Frau auf dem Bild ist.

Auf Bildern von Heidi sieht man oft im Hintergrund das borstige Gesicht des wachenden Günthers. Regelmäßig, so wird erzählt, ruft der gelernte Chemiefacharbeiter, auch eigenhändig Journalisten an, die etwas Doofes über Heidi geschrieben haben, um sie zur Sau zu machen.

Als ich zum ersten Mal in einem Artikel Heidi Klum erwähnte, war sie vielen Menschen noch regelrecht unbekannt. Es passierte, dass ich versehentlich „Klump“ schrieb und den Text abgab. Ich hatte also einen Abend lang Angst, dass der Rechtschreibfehler abgedruckt würde und ich am nächsten Tag einen Anruf bekäme, bei dem ich die ersten 20 Sekunden nur ein regelmäßiges Atmen hören würde, bevor eine drohend-leise Stimme „Hier ist Jünther“ sagen würde und: „Heidi steht zu ihren Kurven!“

Kennen Sie den Film „Kevin allein zu Haus“? In etwa so wie der kleine Kevin vor den Einbrechern würde ich mich und mein Telefon verschanzen, wenn mir jemand prophezeien würde, dass Günther Klum versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen. In meinem dicht vernagelten Verschlag würde ich sitzen, nicht zu atmen wagen und Karl Lagerfeld beneiden. Der kennt Günther schließlich nicht mal.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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