Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Ich bin jetzt Ebay-Powerseller

Natürlich haben Freunde nie Lust, bei Umzügen zu helfen. Meistens haben sie sogar so wenig Lust, dass sie sich nicht mal die Mühe machen, das Gegenteil zu behaupten.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Wenn dann mit halbstündiger Verspätung doch noch drei Leute eintrudeln, haben sie grundsätzlich einen Kater. Natürlich kann man es ihnen nicht verdenken. Denn es ist eine wirkliche Frechheit, Leute zu bitten, an freien, sonnigen Tagen stundenlang Kisten in den vierten Stock zu tragen. Am Ende hat der Umziehende dann auch noch keinen Führerschein und der Verkatertste muss den Robben-&-Wientjes-Sprinter zurück in die Ritterstraße fahren.

Bald muss ich umziehen. Seit Jahren schon vertraue ich dabei aus o. a. Gründen auf die Hilfe eines Mannes, den ich im Internet gefunden habe. Maik ist etwa einen Meter sechzig groß und dürfte etwa so viel wie Kate Moss wiegen. Maik behauptet vor jedem Umzug, er würde mit seinem „Team“ kommen, und kommt dann doch immer allein. Nur einmal, da hat er seinen Onkel mitgebracht, dessen Arbeitseinsatz sich allerdings darauf beschränkte, rauchend am Küchentisch zu sitzen. Dort saß er so lange, bis Maik ihm den massiven Küchentisch unter den aufgestützten Ellbogen wegtrug. Denn Maik braucht kein Team. Er ist stark wie zehn Männer. Wenn er die Waschmaschine trägt, hat er dabei noch eine Stehlampe quer im Mund.

Maik hat an meinem diesjährigen Umzugsdatum nur sehr wenig Zeit. Daher muss ich meinen Hausstand auf ein Minimum reduzieren. Seitdem bin ich Ebay-Powerseller. Ich verkaufe alles. Neulich musste mir eine Freundin mein allererstes Märchenbuch aus der Hand reißen, als ich gerade mit fiebrigem Blick dabei war, es abzufotografieren und „reinzustellen“. Normalerweise findet man für jeden Scheiß einen Abnehmer. Und wenn einem zu einem Verkaufsobjekt kein einziges positives Attribut einfallen will, bleibt einem immer noch die Bezeichnung „Liebhaberstück“.

Wer bei Ebay diesen Begriff eingibt, findet den Bodensatz all jener Dinge, die in deutschen Haushalten aus unerfindlichen Gründen immer wieder dem Müllschlucker von der Schippe gesprungen sind. Neben meinem kunstledern eingefassten Kosmetikkoffer ein unglaubliches Panoptikum an Scheußlichkeiten: Wandtattoos mit Tribal-Motiv, wie sie auch gern auf den Heckscheiben tiefergelegter Vorstadt-Pkw zu finden sind. Hifi-Türme der 90er Jahre, „Bronze-Dackel, stehend“.

Auch mein Sofa habe ich ins Internet gestellt. Ein Umzug ist ein Grund, endlich wegzugeben, was man nie leiden konnte. Und mein Sofa ist so groß, dass nicht mal Maik es tragen kann. Und es ist so hässlich, dass sogar ich mich schäme, es als „Liebhaberstück“ auszuweisen. Ich habe es vor einiger Zeit bei einem Online-Versand bestellt, obwohl man doch weiß, dass man Möbel nicht in Versandhäusern bestellen darf. Im Katalog hatte man auch nicht gesehen, dass der Bezug aus Jeans-Stoff ist. Als es dann in mehreren riesenhaften Teilen von einer Armada breitschultriger Kerle geliefert wurde, die alle drei Minuten Pause machten und isotonische Drinks auf Ex leerten, war das Wohnzimmer voll. Es sah aus, als würde es Leuten gehören, die ihre Couch „Spielwiese“ nennen und ihr eheliches Schlafzimmer „Hobbyraum“.

Eine türkische Großfamilie kam gestern vorbei und interessierte sich für das Sofa, auf dem sie alle Platz haben würden. Das Familienoberhaupt sagte, er würde mir nur fünfzehn und nicht 20 Euro geben. Denn ich habe ja „VB“ geschrieben. Außerdem würde es ein unvorhergesehener Aufwand sein, das Monstrum hier wegzubekommen. „Sonst lasse ich es hier“, sagte er gleichgültig. Schnell legte ich noch den Kosmetikkoffer obendrauf.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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