Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Ich will gar keinen schönen Sommer

Die Sommer-Antipathie ist eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft.

Den Sommer nicht mögen, das ist wie „The Sopranos“ doof finden oder Musik von U2 oder Kinder. Alle sind deswegen unheimlich froh, dass endlich Sommer ist! Die Medien unterstützen das nach Kräften: Oder hat ProSieben etwa schon mal das „Wintermädchen“ gesucht? Oder warum war „Die blaue Lagune“ so viel cooler als „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“?

Es ist alles so viel freier und ungehemmter, Teints und Launen sind so viel besser, und die Zwänge von dicken Schichten beengender Kleidung fallen. Gerade das eh schon so tolle Berlin ist so unglaublich noch viel toller, wenn Sommer ist! Fast mediterran! Die Seen im Umland! Die süßen Cafés, Bars, die super Atmo! Das New York der 70er ist Hannover dagegen!

Ich mag Sommer nicht so gern wie andere. Mai ist für mich gerade noch okay. Und ab September geht’s dann langsam wieder. Insektenangst, Hautkrebsangst, Heuschnupfen, eine Temperaturtoleranz, die höchstens die Spanne von 22–25 Grad als erträglich einstuft. Das letzte Mal, dass ich in einem See schwamm, war genau einen Tag vor der Tagesspiegel-Überschrift „Das Monster vom Schlachtensee“: 2008 hatte ein Wels eine junge Frau beim Schwimmen angegriffen, sie trug eine 17 Zentimeter lange Wunde davon und ihre Angabe, es habe „so gezeckt“, dürfte noch stark untertrieben gewesen sein. Doch Fische (z.B. ein 2,50-Meter-Wels in der Krummen Lanke!) sind nicht das einzige Problem.

Was fast schon kokett anti klingt, ist die reine Wahrheit: Nichts ist so oktroyierend wie der Sommer. Weil nun mal nicht jeder gerne am See liegt, weil es Menschen gibt, die auf Sonneneinstrahlung nicht mit der Farbe Bronze, sondern mit der Farbe Lachs reagieren und weil sich 30 Grad Außentemperatur von manchen Menschen nicht einfach mit einem überbewerteten Aperol Spritz kühltrinken lassen. Vielen schlägt der schwere Sommer auf das ansonsten guten Gewissens als sonnig zu bezeichnende Gemüt. Im Sommer fühle ich mich wie Hannelore Kohl, und alle anderen sind wie die Frau aus der 90er-Jahre-„Delial“-Werbung, die sich in ihrem sonnengelben Badeanzug auf einem schroffen Felsen sonnt. Sie lebt vermutlich auf der Insel, auf der auch die gut gelaunte Bacardi-Clique wohnt, die den ganzen Tag Mischgetränke schlürft und Limbo tanzt.

Im Sommer tun alle Menschen so, als dürfte man sich mit nichts anderem als dem Sommer und seinen Auswüchsen beschäftigen. Der Panikaufschrei: „Waaas? Du warst noch nie am Liepnitzsee?????“ ist nur der Anfang. Sobald man beschließt, einen Sommerabend auch mal in seinem Wohnzimmer sitzen zu bleiben, weil man nun mal die letzten 14 Abende bereits Bier getrunken oder ein paar Leuten beim öffentlichen Bongospielen zugehört hat, ertönen schockierte Stimmen, die sagen, es könne ja wohl nicht angehen, dass man „bei dem Wetter“ zu Hause bleibt! Man fühlt sich ständig wie ein Teenager, in dessen nach Socken riechendes Zimmer die besorgte Mutter an einem heißen Augusttag stürmt, um die wahrscheinlich suizid-, zumindest aber depressionsgefährdete Brut durch das beherzte Aufreißen aller Fenster zu schützen. Der fahle Teenager, der eigentlich gar nicht vorhatte, einen Amoklauf zu begehen, vergräbt sofort das Gesicht im Kissen. Kein Wunder, wenn er in diesem Moment doch beschließt, eine Computersucht auszubilden. Und sei es nur aus Trotz.

Jeder muss mitmachen beim Sommer. Alle Aktivitäten, auch wenn sie dafür gänzlich ungeeignet sind, müssen ins Freie verlegt werden: Picknicken ist nie so schön wie die Vorstellung davon. Public Viewing blendet immer. Aber der Sommer duldet keine Spalter. Und die „Havaianas“-Häscher sind seine Schergen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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