Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Möp!

Seit einiger Zeit prangt an einem Baum in meiner Straße ein peinlicher DIN-A-4-Zettel.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

In langen Worten beschwert sich ein Mann darüber, dass an genau dieser Stelle vor einiger Zeit sein gelbes Fahrrad entwendet wurde. Er findet Fahrraddiebstähle (zu Recht) echt fies, und außerdem könne er jetzt sehen, wie er ohne Fahrrad täglich zur Arbeit kommt. Na toll, schönen Dank auch, lieber Dieb. Der Verfasser rät dem Dieb außerdem dringend, das Fahrrad genau an diese Stelle zurückzustellen, um „Ärger zu vermeiden“. Die Vorstellung, dass die Gruppe Neuköllner Kleinkrimineller nach dieser knallharten Ansage vielleicht nicht sofort verängstigt ein Treffen anberaumt und den vor Angst bibbernden Stärksten der Runde benennt, der sich nachts zum Baum schleichen muss, um das Fahrrad wieder an seinen ursprünglichen Platz zu stellen, ist dem Verfasser des Zettels scheinbar nicht in den Sinn gekommen. Er geht sogar noch weiter: Er werde das Fahrrad ob seiner speziellen Farbe und Form überall wiedererkennen, und dann würde es richtig Ärger geben.

Derart lange Ausführungen ist man als ein Mensch des Medienzeitalters, der sich Beschwerden und Kommentaren fast nur noch online aussetzt, fast nicht mehr gewöhnt. In Internet-User-Sprache ließe sich der beleidigte Sermon des ehemaligen Fahrradbesitzers mit genau einem einzigen Wort zusammenfassen: „Möp“.

„Möp“ ist der Online-Ausdruck für beleidigte, bockige Empörung. „Mathe schon wieder ’ne fünf, möp.“ – „Der Arsch meldet sich nicht mehr, dabei hab ich ihm schon fünfmal auf die Mailbox gequatscht, möp“. – „Na toll, 50 Minuten Bahnfahren wegen dem blöden Dieb, möp“. – „Möp“ ist also das krasse Gegenteil zu „fg“, zu „lol“ und zu „rofl“ erst recht.

Der Hang zur Wortverkürzung findet in Internetforen seinen grotesken Höhepunkt. Eine schwangere Freundin, die im Netz nach bestimmten Schwangerschaftssymptomen suchte, fand folgenden Satz in einem Forum, der von 33 weiteren Userinnen ohne eine einzige inhaltliche Verständnisfrage kommentiert wurde: „Hatte 3T nach ES GV, nun ist +3 ab wann merkt man SS und hilft SSFT?“ Übersetzt soll dieser Satz Folgendes bedeuten: „Ich hatte drei Tage nach meinem Eisprung Geschlechtsverkehr, nun bin ich drei Tage überfällig, ab wann merkt man eigentlich eine Schwangerschaft, und könnte mir wohl ein Schwangerschaftsfrühtest weiterhelfen?“

Der Hang zu Abkürzungen beschränkte sich vor einigen Jahren noch auf die Formulierung „u.A.w.g.“ auf Einladungen zu Feierlichkeiten, was bedeutete, dass der Feierausrichter sich über eine Antwort bezüglich des Erscheinens oder Fernbleibens freuen würde, eine Formulierung, die besonders witzige mittelalte Herren immer wieder dazu veranlasste, effektheischerisch in die Runde zu gucken und sofort mit dem Kalauer „Um acht wird gegessen“ oder „unter anderem wird getanzt“ loszuonkeln. Die zweite Abkürzungswelle schlug sich in gefühlsreichen Briefverabschiedungen von Teenagern oder in deren T-Shirt-Unterschriften von Kirchenfreizeiten nieder und hieß „h.d.g.d.l.“, was „hab dich ganz doll lieb“ bedeutete.

Sogar in Sachen Emoticons hat die schriftliche Verknappung Einzug erhalten: Mittlerweile wird hier dem sowieso nur aus drei Zeichen bestehenden lächelnden oder weinenden Smiley seine Nase vorenthalten und beschränkt die unkreative Gefühlsäußerung auf ein Paar Augen und einen Mund.

All diejenigen, die mit plumper Chatter-Diktion nichts zu tun haben, sollten sich aber klarmachen: Vom „rofl“ zum „asap“ (as soon as possible) ist es nur ein kurzer Weg. Und LG ist das HDGDL der Nullerjahre.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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