Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Musik ist mir egal – weitestgehend

Die RTL-Sendung „Die Super-Nanny“ ist Vergangenheit.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Die Super-Nanny selber beschwerte sich in einer Mail an RTL darüber, dass zum Teil gegen pädagogische Interessen in ihre Arbeit eingegriffen worden sei. Es ist beachtlich, dass die Super-Nanny nach sieben Jahren das Problem der pädagogischen Fragwürdigkeit aufwirft. Zumindest für mich persönlich ist das Absetzen der Sendung ein Glücksfall. Denn es bedeutet meinen Absprung vom RTL-Mittwochabend. Ich kann mir nun mal wieder was anderes vornehmen. Einen Sprachkurs besuchen oder ins Kino gehen.

Was Fernsehsendungen angeht, lege ich eine bis zur Selbstaufgabe reichende Treue an den Tag. Schon als „Marienhof“ im Sommer endlich abgesetzt wurde, überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung. Jahre meines Lebens waren zwar für diese Sendung draufgegangen, aber ich hatte durchgehalten! Okay, die heiße Phase damals, in der ich Uniseminare nicht besuchen konnte, weil sie bis 18 Uhr gingen und ich es bis 18.25 Uhr nicht nach Hause geschafft hätte, war irgendwann vorbei und manchmal verstand ich nicht, warum Sülo auf einmal schwul war und ein medizinisches Stützkorsett trug oder wer die neue Dicke war, aber die Big Lines hatte ich drauf. Natürlich frage ich mich manchmal, was Inge Busch jetzt für einen Job machen soll oder ob man einen von ihnen im Dschungelcamp wiedersehen darf. Ich muss aufpassen beim Fernsehen: Einmal versehentlich bei „The Voice of Germany“ reingezappt und schon häng ich mindestens bis zu den „Battle Rounds“ drin.

Derartige Zwanghaftigkeit mag anderen Menschen etwa aus der Musik bekannt vorkommen. Was diesen Bereich betrifft, verfüge über eine Eigenschaft, die mir sehr viel Stress erspart: Mir ist Musik weitestgehend egal. Es stört mich nicht, wenn irgendwo was dudelt, ich finde es oft sogar schön, aber ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mir zum letzten Mal eine CD gekauft habe oder dass ich schon mal auf das neue Album einer bestimmten Formation ernsthaft gewartet hätte. Die Frage „Und? Was für Musik hörst du so?“ hat mich bereits als Teenager in unangenehme Situationen und zu schwammigem Brabbeln gebracht. Ich verfüge zwar über eine beeindruckende iTunes-Bibliothek, aber dies eher aus blinder Sammelwut oder um nicht in Verlegenheit zu geraten, wenn wieder ein Spezialist meinen Musikordner öffnet.

Ich finde Lieder meist gut, nachdem ich sie im Radio gehört oder was darüber gelesen habe. Musikfreaks regen sich über Menschen wie mich auf, die „auf einmaaaal“ irgendwas gut finden, obwohl es die Band ja eigentlich schon voll lange gibt und sie die ja noch von den illegalen Mitschnitten von Kleinkonzerten in New Yorker Souterrain-Clubs kennen, während ich einen fröhlichen Radiomoderator brauche, der sie zwischen Staumeldung und Kultur-Tipp falsch ausgesprochen vom Sendeplan abliest.

Vorweihnachtszeit ist Primetime für Musikkäufe. Und eine Zeit, in der auch ich mich zum Verschenken der ein oder anderen selbstgebrannten Mix-CD verleiten lasse an Leute, denen man eigentlich nichts schenken muss, denen man aber trotzdem in der Vorweihnachtszeit über den Weg läuft. Meiner Mutter habe ich vor Jahren mal „Andrea Boccelli & Sarah Brightman“ geschenkt. Hat sie am Weihnachtsabend eingelegt und höflich mit dem Kopf gewippt. Danach habe ich die CD nie wieder gesehen, nicht auszuschließen, dass sie weiter verschenkt wurde.

Verwunderlich, dass bisher noch kein einziger Facebook-Freund „Last Christmas“ gepostet hat. Wenn das nicht bald passiert, mach ich es. Nur damit der Druck raus ist.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar