Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Panik vor der Silvesterparty

Wenn ein Jahr zu Ende geht, steht die Welt ein wenig stiller als sonst. Ich meine das im wörtlichen Sinne. Hausverwaltungen reagieren jetzt nicht mal mehr dann auf Anrufe, wenn einem das Waschmaschinenwasser des Übermieters im satten Strahl ins eigene Bett läuft, und man selber schleppt sich nur noch dann und wann zum Computer, um mit trägen, klebrigen Printen-Fingern einige witzige virtuelle Neujahrspostkarten zu vermailen.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Wenn ein Jahr zu Ende geht, steht die Welt ein wenig stiller als sonst. Ich meine das im wörtlichen Sinne. Hausverwaltungen reagieren jetzt nicht mal mehr dann auf Anrufe, wenn einem das Waschmaschinenwasser des Übermieters im satten Strahl ins eigene Bett läuft, und man selber schleppt sich nur noch dann und wann zum Computer, um mit trägen, klebrigen Printen-Fingern einige witzige virtuelle Neujahrspostkarten zu vermailen. Alles Drängende wird ins neue Jahr verschoben. So gnadenlos, dass man dieses neue Jahr bereits völlig überfordert beginnt.

Facebook ist zum Jahresende eine wirklich unerfreuliche Angelegenheit. Auch das blödeste Posting zum Thema „Weltuntergang“ ist nun verhallt, das letzte Bild von gebratenen Gänsen oder mit Ananas und Mais gefüllten Raclettepfännchen hat Platz gemacht für Bilder von Frauen, die mit Duckface in die Kamera schauen und ihr Silvesteroutfit probetragen. Langsam, aber aufdringlich meldet sich der Wunsch nach einem Posting, das darauf hinweist, dass das Wort Silvester den Buchstaben Y nicht beinhaltet. Selbst würde man das natürlich nicht in die Hand nehmen, denn der Verfasser eines altklugen Rechtschreibpostings möchte man nun wirklich nicht sein.

Ich gebe zu, dass eine ordentliche Portion Schaffensdruck meine Dünnhäutigkeit in puncto Silvester begünstigt. Denn eine Verkettung ungünstiger Umstände hat dazu geführt, dass ich in diesem Jahr eine Party ausrichte. Es gibt kaum eine lästigere Aufgabe.

Die Reaktionen auf meine Einladung sind vielfältig. Sie reichen von der klassischen Commitment-Verweigerung („Sind erst mal wahrscheinlich bei Jo und Silke zum Raclette, aber danach haben wir bestimmt noch Bock!“) bis zur übergriffigen Übernahme der Party („Woohooo! Kann ich noch Ratte, Benzin und die Baumann-Zwillinge mitbringen?“), für den Ausrichter der Party allerdings haben beide Varianten das gleiche Ergebnis: Er weiß nicht, wie viele Leute kommen.

Dieses Problem zieht einen Rattenschwanz an Folgeschwierigkeiten nach sich. Wer, bitte schön, lässt sich schon am heiß umkämpften Silvesterabend zu einer Party locken, zu deren Verlauf keiner die geringste verlässliche Koordinate nennen kann („Es kommen so zwischen fünf und 80 Menschen“)? Gleichzeitig pendelt der Veranstalter gedanklich zwischen absoluter Lähmung und Overperformance und malt sich im Kopf die Horrorszenarien aus.

1. Die ersten sechs Gäste haben in zehn Minuten das Chili vernichtet, fragen vorsichtig nach „Salzstangen oder so ...“ und der Gastgeber muss nach 20 Minuten selber zum Späti hetzen, um alles an Getränken aufzukaufen, was er dort findet. Weitaus schlimmer wäre die zweite Variante:

2. Man steht vor dem riesigen arrangierten Büfett mit den silbernen Warmhalteplatten und rechtfertigt sich vor den drei Pärchen, die man das letzte Mal in der Uni gesehen hat, verlegen grinsend für die gemietete Zapfanlage („Nee nee, das ist heutzutage gar nicht mehr so teuer“).

Kurz kommt die Idee von Kamikazeeinladungen. Es könnte alles so einfach sein: Bei Facebook würde man kurz die Sicherheitseinstellungen ändern und für alle Menschen seine Einladung mit Adresse sichtbar machen. Es würde eine Facebookparty geben, im Treppenhaus würde randaliert werden, und 2000 Menschen würden sich danebenbenehmen. Im Interview mit einer Boulevardzeitung würde man mich am folgenden Tag mit den Resten meines Käse-Igels in einer demolierten Küche sehen. Schockiert und für jedermann nachvollziehbar würde ich sagen, dass ich nie wieder eine Party ausrichten möchte. Verständnis von allen Seiten.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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