Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Schneckenpost und Inter-Nutten

Eine Küche im regnerischen Halbdunkel im ersten Viertel eines Werktages.

Auf dem robusten, heute wegen seiner ritterlichen Anmutung eher unmodern wirkenden Palisander-Esstisch ein halbvoller Kaffeebecher sowie eine kleine Schüssel, in der ein letzter Dinkel-Düsi in einer winzigen Milchpfütze schwimmt. Vor dem Laptop sitzt eine motivierte Person im Schlafanzug, die bräsig und wohlgelaunt den letzten Feinschliff an einer Mail vornimmt, die sie dringend, dringend, dringend verschicken muss.

Es geht um ihre Zukunft. Sie drückt erleichtert und zufrieden auf den Button „Senden“ und streckt sich erleichtert und schon fast auf dem Weg zur Dusche. Auf dem Display erscheint plötzlich eine Sanduhr und nicht die sonst übliche Mitteilung, dass die Mail erfolgreich verschickt wurde. Fünf Sekunden, dann werden es zehn. Hysterisch und unsouverän lacht die Person im Schlafanzug einmal laut auf, um anschließend in einer an eine elektrische Nähmaschine erinnernden Geräuschkulisse wieder und wieder auf den „Senden“-Knopf zu drücken. Ihr Blick schwenkt in die rechte untere Ecke des Computer-Displays, wo ein Symbol Bände spricht: ein dickes rotes Kreuz streicht einen kleinen Computer durch, vor dem sich sonst eine kleine Weltkugel dreht. Das Internet geht nicht. Aus.

Ich wähle die Nummer einer Hotline. Eine Frau mit starkem Dialekt, die gerade zu frühstücken scheint und sich als „Frau Rakowsky“ vorstellt, hebt geschäftig ab.

Im Halbdunkel der Küche spielt sich nun sinngemäß verknappt folgender Dialog ab: „Mein Internet geht nicht …“ – „Der Treiber ist aktuell?“ – „Was ist ein Treiber?“ Die Frau nuschelt ertappt eine unverständliche Antwort und legt nach: „Mit ipconfig haben Sie es versucht?“ „Was?“ – „Na, da kriegen Sie die Infos des lokalen TCP/IP-Stacks.“ Selbstbewusst kontere ich: „Geht das nicht auch über die Netzwerkeinstellungen?“ Frau Rakowskys Stimme erhebt sich in einem drohenden Crescendo: „Aber nur ohne IP-Adresse, zumindest wenn Sie diese via DHCP bekommen haben!“

Ich werde weinerlich und quengele renitent, dass ich überhaupt nur bei diesem Internetanbieter einen Vertrag abgeschlossen habe, weil er in seiner aggressiven, omnipräsenten Werbeoffensive so tut, als würde beim klitzekleinsten DSL-Problemchen sofort ein kompetenter und freundlicher Techniker vor der Tür stehen, der auch noch Brötchen und die Zeitung dabei hat. „Na jut“, räumt Frau Rakowsky ein, „aber nicht wenn Ihr Router kaputt ist.“ Sie spricht „Router“ wie „Rauter“ aus. Dann ist sie kurz still. Aber nur um im finalen Schlag zum ultimativen Hotline-Mitarbeiter-Mittel zu greifen. „Ich hab jetzt mal in der Datenbank alles geprüft, bei Ihnen liegt keine Störung vor. Da ist alles in Ordnung.“ – „Das Internet geht aber trotzdem nicht.“ – „Muss aber gehen.“ – „Geht aber nicht.“ – „Tja. Muss aber.“

Frau Rakowsky spürt, dass ich dringend eine Mail verschicken muss, und wird mütterlich. Vorsichtig fragt sie nach, ob sich dies im Notfall nicht auch „via Schneckenpost“ erledigen ließe. Auf meine Verneinung atmet sie geräuschvoll aus, dann trinkt sie einen Schluck. Sie fragt, ob ich nicht einen Nachbarn habe, der sein WLAN nicht per Sicherheitspasswort geschützt hat und den ich „anzapfen“ könne. Ich rufe die Liste der Drahtlosnetzwerke auf. Neben den gesicherten Anschlüssen „Anschluss Mueller“ und den „Wlan-Wuppies“ finde ich auch ein ungesichertes Netzwerk: Die „Inter-Nutten“. Ich äußere Bedenken. Und Frau Rakowsky hat zum ersten Mal heute eine richtig gute Idee: „Probieren Sie es doch einfach! Und falls was schiefgeht, können Sie mich doch einfach noch mal wegen ’nem Virusproblem anrufen.“

Hier schreiben abwechselnd Jens Mühling, Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke und Elena Senft.

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