Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : … und hat mal wieder Schwein gehabt

Das Meerschwein wurde in einer Transportbox gebracht.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Das Nachbarskind übergab mir einen Speiseplan, Futter, einen Salzleckstein und seinen Käfig. Es küsste das schwarz-weiße Tier auf den Kopf und fuhr mit seinen Eltern nach Fuerteventura.

Ich hatte auch mal ein eigenes Meerschwein. Als ich klein war, bekam ich es zum Geburtstag. Eine Enttäuschung, denn nach zahlreichen Anspielungen, dass es sich bei meinem Geschenk um etwas Lebendiges handelt, rechnete ich mit einem Cockerspaniel. Ich habe den Käfig meines Meerschweins kein einziges Mal eigenständig gereinigt, das Tier litt, die Haare an seinem Hinterteil waren zu einem buschigen, langen Filz aus Haar, Kot und Streu geworden.

Manchmal scheuchte Mutter das Meerschwein hinter dem Sofa entlang, damit Wollmäuse in dem Filz hängen blieben und sie nicht zum Staubsaugen die Couch verrücken musste. Das Schwein wurde irgendwann zu meiner Cousine gegeben, weil es dort im Hühnerstall wohnen durfte und niemand mehr den Käfig sauber machen musste. Das Meerschwein wurde exakt einen Tag, nachdem wir es dort abgegeben hatten, von einem Fuchs gefressen.

Weil diese armselige Episode meines Lebens wahr ist, kam mir das Nachbarmeerschwein zwecks Traumaaufarbeitung gelegen und ich kümmerte mich rührend um meinen kleinen Gast. Beim Fernsehen durfte es auf meinem Schoß sitzen und an meinem Zeigefinger lecken.

Dann der dramatische Wendepunkt: Nach nur drei Tagen bekam das Tier starken Durchfall. Ich suchte Rat im Internet. Die meisten Meerschweinseiten sind sehr fröhliche Seiten. Die Redewendung „Schwein haben“ wird bis ins Unerträgliche ausgeschlachtet. Wenn es aber um die Gesundheit von Haustieren geht, verstehen haustierhaltende Foren-User keinen Spaß.

Ich postete einen Beitrag über die Krankheitssymptome des Pflegemeerschweins in einem Forum. „Schweinsteigerchen“ antwortete: „Ist es eine Sau oder ein Bock?“ Ich wusste es nicht. Da aktive Internet-Forenteilnehmer ja zum aggressivsten Menschenschlag überhaupt gehören, wurde in ersten Kommentaren mein ehrliches Interesse am Wohlergehen des Tiers infrage gestellt. „Wennde nit mal weißt, ob deine Fellnase Männlein oder Weiblein ist, dann sorry! Meine Meinung!“

Vorsichtig wendete ich das kranke Tier und blickte auf ein Paar Hoden. Der Bock wand sich schamhaft unter meinem Griff. „Fellini“ fragte, ob das Schwein eine „dunklere Stimme“ habe als sonst. Ich sagte, ich wisse es nicht. „Typisch!“, schreibt einer. „*kopfschüttel*“. Ein Freak schlug Bachblütentherapie vor, das helfe bei allem. Er behandle seine beiden Böcke damit. „Der eine bekommt das gegen seine Dominanz und das Aufreiten und der andere gegen seine Unterwürfigkeit.“ Ich ekelte mich. „Weizenunverträglichkeit. Nicht selten bei Schweinchen“, schrieb Susi0909. „Aber dir ist ja eh egal, wenn das Kleine verreckt.“ Fellini schob fies hinterher: „Man merkt, dass du noch nie ein Schweinchen hattest.“

Ich dachte an mein altes Meerschwein. Dann entfilzte ich das Fell des kranken Tiers und rief den tierärztlichen Notdienst an. Ich flößte dem kranken Bock in den folgenden Stunden viel Wasser mit einer Pipette ein. Am folgenden Tag verließ ich das Haus nicht, sondern flößte wieder und fütterte nur trockenes Heu, das in Foren „Meerschwein-Zwieback“ heißt.

Das Schwein lag auf meinem Schoß, sein kleiner Bauch hob und senkte sich schnell. Sein Quieken klang schon heller als am Vortag. Im Internet verkündete ich einen Tag später die Genesung. „Glückwunsch!“, sagte Fellini. „Du bist jetzt eine von uns!“

Hier schreiben im Wechsel: Moritz Rinke, Elena Senft, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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