Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Wenn das Laptop schnarrt und knirscht

Mein Laptop ist vier Jahre alt.

Elena Senft
Foto: Mike Wolff

Mein Laptop ist vier Jahre alt. Und was vor vier Jahren filigran, mädchenhaft und elegant war, wirkt heute wie ein schnaufender Datenklotz, den man nirgendwo mit hinnehmen kann, weil er nicht nur zu schwer ist und nur eine Akkulaufzeit von genau zwei Minuten hat, sondern auch deswegen, weil man sich rückständig vorkommt und unmodern gegen die Kohorte Hornbrillenträger, die in Cafés ihre briefmarkenflachen, stillen Geräte aufbauen, während ich vor meiner ewig verarbeitenden, rödelnden Kommandozentrale mit riesigem Netzteil sitze, das so schnell erhitzt, dass ich es im Winter oft als Wärmflasche verwende.

Neulich habe ich bei Facebook eine Statusmeldung gepostet, in der ich fragte, wie bei einem bestimmten Virus-Wurm, den ich auf meinem Computer fand, zu verfahren sei. Es antworteten mir fünf Leute, die alle sagten, ich sollte den Wurm zum Anlass nehmen, in einen Laden zu gehen und einen flachen, weißen Laptop zu kaufen, wie sie ihn bereits besitzen. Ich reagierte auf keinen dieser Kommentare – wollten sie mir doch nicht helfen, sondern in Wirklichkeit nur der Welt kommunizieren, dass sie – im Gegensatz zu mir – über einen geilen Computer verfügten.

Sowieso werden Facebook-Statusmeldungen doch nur geschrieben, um ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Folgend eine kurze Auswahl der gängigsten Meldungen und ihrer tatsächlichen Bedeutungen:

Annika Schmidt: „Tel Aviv, Kopenhagen, London – ich kann nicht mehr!“ bedeutet: „Was bin ich nur für ein Kosmopolit. Heute hier, morgen dort. Die Welt ist ein Dorf – für mich zumindest, nicht für dich, du kleiner buckliger Bürohengst, den ich freundlicherweise in meine Freundesliste aufgenommen habe, um die Fünfhundertermarke zu knacken.“

Annika Schmidt: „Entspannt mit Bier und Blick aufs Meer“ bedeutet: „Ich bin ein relaxter Typ und mache schon wieder Luxusurlaub.“

Annika Schmidt: „wundert sich“ bedeutet: „Bitte sprecht mit mir, bitte fragt, was los ist! Ich fühle mich vernachlässigt und allein so wie damals als Kind, als ich immer aufmerksamkeitsheischend ein Bein nachgezogen habe.“

Annika Schmidt: „Politische Neuerfindung am Arsch: Merkel im Spiegel-Interview. Pfff!“ bedeutet: „Ich kenne mich wirklich aus! Und neben meiner anspruchsvollen Arbeit, meinem spannenden Privatleben habe ich auch noch Zeit, mich mit den Problemen unseres Landes zu beschäftigen.“

Annika Schmidt: „Danke Conny und Matthieu für diesen tollen Theaterabend. Freue mich auf die Lammcarrées nächste Woche“ bedeutet: „Ich bin so froh, dass ich nicht nur Freunde habe, sondern auch noch intellektuelle Freunde, mit denen ich anspruchsvollen Tätigkeiten nachgehe und die mich einfach noch glücklicher machen, als ich es eh schon bin.“

Ein blasser Student mit Brille hat im fahlen Licht des einzigen Fensters seiner Souterrainwohnung das Ohr fast liebevoll auf meinen Laptop gelegt, geguckt wie ein Arzt und „er schnarrt“ geflüstert. Als er „Return“ drückte, knirschte ein Keksbrösel unter der Taste. Er konnte ihn reparieren. Im Gegensatz zu Menschen ist es ja bei der Beziehung zum technischen Gerät nicht so, dass das Vertrauen exponentiell zur Beziehungsdauer wächst. Wenn man plötzlich alle zehn Minuten zwischenspeichert und die Lüftung so doll bläst, dass man eine Bindehautentzündung hat, dann ist es vielleicht Zeit. Ich werde beginnen, Angebote einzuholen. Ich werde mir nicht via Facebook zu einem Gerät raten lassen („any advice?“). Ich werde nichts posten, wenn ich einen neuen Laptop habe. Still werde ich mich in die Gebrauchsanleitung einlesen.

Hier schreiben abwechselnd: Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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