Kolumne : Ganz schön unheimlich

Denken wir ein paar Tage zurück, an den Beginn dieser politisch turbulenten Woche. Ein Kommentar der „Tageszeitung“: „Ungläubig reagierten fast alle auf die Idee Angela Merkels, den nahezu unbekannten Wirtschaftsexperten Horst Köhler als neuen Bundespräsidenten zu installieren. Seine Reden waren nicht unbedingt die originellsten, seine Performance sicher nicht die aufregendste, der 67-Jährige besitzt nicht die tollste Stimme, die in Berlin zu hören war. Doch alle Kriterien, denen sonst viel Gewicht beigemessen wird, spielten am Ende nur eine untergeordnete Rolle, denn Horst Köhler machte deren Fehlen mit Charme wett. Es war ein Sieg der Bodenständigkeit über Testosteron. Politisch und wirtschaftlich mag Deutschland in Europa das meiste Gewicht besitzen. Die Sympathien der Nachbarn fliegen dem Land aber erst dann zu, wenn es, statt aufzutrumpfen, auf internationaler Bühne ein wenig ungelenk, beinahe unbedarft und betont bescheiden auftritt. So gesehen, hat Horst Köhler das Merkel-Prinzip erfolgreich ins Präsidialamt übertragen.“

Die „Welt“: „Politik ist ein bizarrer Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ein gnadenloser Kampf um Aufmerksamkeit. In diesem grellen Durcheinander von Kitsch, Pathos und Inszenierungen tritt ein gewisser Horst Köhler, aufgewachsen in Ludwigsburg, auf die Bühne. Er spricht haarscharf an den richtigen Tönen vorbei. Er ist einfach nur Horst. Vielleicht etwas natürlicher als die anderen. Im Hintergrund freut sich Angela Merkel über den Erfolg ihrer Inszenierung.“

Die „Frankfurter Allgemeine“: „In einem auffallend schlichten Anzug, mit fast ein wenig ungelenken Bewegungen und eher konventionellen Reden – es war das Unschuldig-Unbedarfte, das sich durchsetzte gegen Abgebrühteres. Der Auftritt dieses Präsidenten ließ einen Willen zur Stilisierung kaum erkennen und kam insofern dem nahe, was wir unter einer natürlichen Ausstrahlung verstehen. Horst Köhler wurde dafür bewundert, dass er sich nicht cooler gab, als er es ist. Das Harmlos-Unverruchte wirkte auch deswegen so überzeugend, weil sich seine Präsentation keiner Absicht zu verdanken schien, die, bei einer Hinterfrau namens Angela Merkel, natürlich trotzdem dahintersteckte. In die große Freude mischte sich jedoch von Anfang an auch eine gewisse Bangigkeit – jeder weiß, unter welchem Druck Objekte einer solchen Aufmerksamkeit stehen.“

Die zitierten Kommentare galten dem Sieg von Lena Meyer-Landrut in Oslo, ich habe aber „Lena“ durch „Horst Köhler“ ersetzt, „Stefan Raab“ durch „Angela Merkel“ und es dann passend gemacht. Es funktioniert bei fast allen Texten über Köhler und über Lena! Eine der letzten Amtshandlungen Köhlers bestand darin, Lena zu ihrem Sieg zu gratulieren! Schon irgendwie unheimlich, das Ganze.

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